SEIT GESTERN HAT ZOSSEN KEINE KIRCHTURMSPITZE MEHR / IN DER KUGEL KAM EIN SCHRIFTSTÜCK VON 1879 ZU TAGE

Das Kreuz ist unten

ALEXANDER ENGELS

ZOSSEN Der Himmel wechselt zwischen Sonne und Wolken, während die zwei Männer auf der Kirchturmspitze balancieren. In den leuchten roten Overalls sind sie weithin zu sehen. Die Menschen bleiben auf dem Zossener Marktplatz stehen oder schauen von ihren Cafétischen hinauf, um zu sehen, was droben vor sich geht. Viel zu erkennen ist nicht. Zwei rote Figuren hängen an Seilen und fingern am Fuße des Kreuzes herum. Über ihnen baumelt ein dicker Haken am weit ausgestreckten Arm des 45-Tonnen-Krans. Die Männer hangeln sich rauf und runter, hin und her. Manchmal ist das Kreischen einer Säge zu hören. Dann löst sich sanft das Kreuz und sinkt hinab wie eine Marionette an Fäden, bis sich das mehr als mannshohe Konstrukt vor der Kirchentür auf den Boden legt.

Applaus. Die Umherstehenden klatschen für Kranführer Volkmar Vogt und die Berufskraxler Falko Weise-Schmidt und Perry Schmidt in die Hände. Superintendentin Katharina Furian atmet auf. Als Erste geht sie zum Kaiser-Stil-Kreuz, dem aus der Nähe die Altersschwäche anzusehen ist. Die Streben, die den zentralen Stab halten, auf dem Kreuz und Kugel stecken, sind rostig, rissig oder fehlen gar.

Überraschenderweise lassen sich aber die Schrauben an der kupfernen Kugel leicht lösen. Die Pfarrerin greift zur Zange, angetrieben von der Neugier, was die Erbauer einst hineingelegt haben mögen. "Die Kugel ist so etwas wie der Grundstein bei einem Haus", erklärt sie, muss sich aber gedulden. Auseinanderbauen lassen sich Stab, Kugel und Kreuz nur mit dem richtigen Werkzeug. Wo Kreuz und Kufel sich trafen, wird Furian fündig: ein Stück Papier, vergilbt und angefressen von Insekten. Langsam faltet Furian es auseinander. Da ist Schrift. Braune, verblichene Tinte. "Der Gemeindekirchenrat", liest die Pfarrerin vor und lacht vor Aufregung. Das Stück Papier trägt die Namen der Mitglieder des Kirchenrates anno 1879.

Die Jahreszahl findet sich auf in der Verschlusskappe oben auf dem Kreuz wieder. "Dann wurde die Spitze ziemlich spät aufgesetzt", sagt die Superintendentin. Denn der Dachstuhl wurde schon nach einem Brand 1873 neu errichtet, wie eine Chronik verrät.

Falko Weise-Schmidt, der als Baukletterer der Firma Alpintechnische Dienstleistungen schon viele Kirchenkreuze abgenommen hat, macht noch eine weitere Entdeckung: "Die Kugel muss mal komplett vergoldet gewesen sein." Er zeigt auf den gut erhaltenen Rand. Angesichts der grün-schwarzen Farbe der Verwitterung vermutete man zuvor, das Kupfer wäre blank gewesen. Weise-Schmidt weist auch auf eine schmückende Ornamentkette hin.

Fast 130 Jahre war das Kreuz-Kugel-Konstrukt Wind und Wetter ausgesetzt. Am Ende stand es so schief, dass es bei einem heftigen Sturm hätte herunter fallen können (MAZ berichtete). Trotz der Gefahr verzögerte sich die gestrige Abnahme. Zum einen fehlte plötzlich die Genehmigung des Ordnungsamtes, die Kirchstraße wegen des Kranes zu sperren - doch Bürgermeisterin Michaela Schreiber gab kurzfristig noch grünes Licht. Zum anderen schien der Kran zu kurz zu sein. 50 Meter maß der Arm, 46 Meter waren es bis zur Turmspitze. "Das reichte so gerade", sagte Kranführer Vogt hinterher.

Nun ist das Kreuz sicher, gerettet ist es noch nicht. "Für die Restaurierung fehlt uns das Geld", sagt Furian. Neben Kirchenmitteln seien Spenden nötig. Bislang sind 1500 Euro an Einzelspenden eingegangen. "Die reichen aber längst noch nicht", so die Pfarrerin. Auf unbestimmte Zeit bleibt Zossen ohne Kirchturmspitze.

- Spendenangebote nimmt die Superintendentur unter (0 33 77) 33 56 11 an.

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