"Eiche hält 300 Jahre!"

Die Glocke der Dorfkirche in Eiche ist wieder sicher verankert

CAROLA HEIN

EICHE Andreas Kupsch hat Glück. Bis zur Glockenstube der friderizianischen Dorfkirche von Eiche sind es nur 50 Stufen. Nicht selten muss der gelernte Schlosser höher hinauf. Und zwar mit Sack und Pack - Baumaterial, Werkzeug, Lampe, Kettenzug geschultert. Und das nicht nur einmal, sondern bis zu zehnmal pro Arbeitstag.

Dieser Job ist "nichts dramatisches", sagt der 42-Jährige. Die völlig verrostete Halterung der Glocke muss ersetzt werden - Routinearbeit für den Glockenbauer, die er mutterseelenallein erledigt: "Bei dem alten Stahlteil hatten sich Nieten gelockert, einer der drei Bolzen war gebrochen." Die Tragfähigkeit sei nur noch zu zwei Dritteln gegeben gewesen. Am Turmeingang liegen die demontierten, ölverschmierten, altersschwachen Teile. Die etwa 400 Kilogramm schwere Stahlglocke von 1924 schwebt nun an einem Balken aus deutscher Eiche. "Der Trend geht wieder zu Holz", erklärt Kupsch. "Die Metallteile hier sind nach 80 Jahren fertig. Eiche hält 300 Jahre!" So Gott will.

Mängel werden oft bei der jährlichen Inspektion entdeckt. "Das ist wie die Durchsicht beim Auto: Statt der Stoßdämpfer prüfen wir die Statik und ob das Gebälk sicher ist." Die evangelische Pfingstkirchengemeinde, zu der auch die mehr als 700 Mitglieder im Ortsteil Eiche gehören, hatte den Reparaturauftrag im Wert von zirka 2000 Euro ausgelöst. Zum Schluss wird der Glockenstuhl verspannt. Kupsch tätschelt mit der Rechten die ollen, grauen Balken, von denen sich der frisch gesägte neue über der Glocke abhebt. "Dann ist hier oben wieder alles im Lot", sagt der kleine Mann mit der Strickmütze.

Der Angestellte der Berliner Firma Schmidt Glockentechnik & Turmuhren hat nicht das erste Mal in Potsdam zu tun. Die Geläute von St. Nikolai, der Erlöserkirche, vom Gotteshaus des Josefskrankenhauses, der Oberlinkirche oder der Friedenskirche sind ihm bestens vertraut. Vor allem der Einsatz in Sanssouci bleibt unvergessen. "Ich bin sozusagen von der Glocke gefallen und hab' mir ein Bein gebrochen", erzählt Kupsch vom bisher einzigen Fehltritt seiner Glockenbauerlaufbahn. Um die Arbeitsposition zu wechseln, hatte er sich vom Gebälk lösen müssen, dabei sei es zu dem Absturz gekommen. "In brenzligen Situationen sind wir angeseilt oder holen sogar Bergsteiger zu Hilfe. Von denen habe ich später manch guten Tipp bekommen", erzählt Kupsch. In der wieder erstandenen Frauenkirche ist indes alles glatt gegangen: "Dort haben wir die Glocken elektrifiziert", sagt Kupsch knapp im Fachjargon. Trotz aller medialer Begeisterung für den Neubau - in seinen Augen ist auch dieser Auftrag nur ein kleiner Fisch im Vergleich zu dem Neuntonner vom Magdeburger Dom. "Eine so schwere Glocke zu bewegen, das ist eine ganz andere Dimension", sagt Kupsch versonnen.

Märkische Allgemeine vom 09. März 2006

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