Überall Schuttberge und Taubendreck

Brügger Kirche ist in erbärmlichem Zustand / Westfale Herbert Brügge stößt nun eine Initiative an

BEATE VOGEL

BRÜGGE So muss es gleich nach dem Krieg ausgesehen haben: die Fenster ohne Verglasung, überall Schuttberge, zerbrochene Bänke, herausgebrochene Teile der Kanzel-Dekoration. Dazwischen Taubendreck, Glasscherben, Dachschindeln. Die Kirche in Brügge (Amt Meyenburg) ist ein Bild des Jammers. Jetzt peitschen Wind und Regen durch die offenen Fensterhöhlen und die Dachfenster. Die Balken sind durch die eingedrungene Feuchtigkeit beschädigt. Daran will Kurt Zander nun etwas ändern.

Der Inhaber des Brennstoffhandels ist Mitglied im Kreiskirchenrat des Kirchenkreises Havelberg-Pritzwalk und sitzt auch im Bauarbeitskreis, der sich eben mit den baulichen Belangen befasst. Irgendwann fiel ihm auf: "Ich repariere überall die Kirchen, aber nicht unsere, die direkt vor der Tür liegt." Dabei ist die Brügger Kirche, die zum Pfarrsprengel Freyenstein gehört, in einem so erbärmlichen Zustand wie keine andere Kirche im Kirchenkreis. "Sie wird leider auch nicht mehr gebraucht", sagt Zander.

Nun galt es, nach Wegen zu suchen, wie man die kleine Kirche "ohne Geld" instand setzen kann. Die Aussichten sind allerdings schlecht - obwohl erst 1997 auf Anstoß des Kirchengemeindemitglieds Hans-Joachim Meumann der Turm saniert wurde. Nichtsdestotrotz gebe es laut Zander ein Konzept über die Zukunft der kleinen Kirche. Der Natur- und Landschaftsschutz Denkmalpflege Förderverein Streckenthin habe sogar ein Projekt dazu entworfen.

Mitten in diese Überlegungen bekam Kurt Zander einen überraschenden Anruf: Ein gewisser Herbert Brügge aus Mettingen in Westfalen suchte Kontakt in dem Prignitz-Dorf, dessen Namen er trug. Zuvor hatte er die Feldsteinkirche bereits von außen besichtigt. Nun verhalf ihm Kurt Zander, nachdem sich die beiden verabredet hatten, im August zu einem Blick ins Innere.

Herbert Brügge war erschüttert, schrieb er später in einem Brief: "Zum Gotterbarmen! Eine dicke Lage Staub, Laub und Vogelkot erwarteten mich im Inneren der Orgel, die all ihrer Metallpfeifen beraubt ist." Seiner Ansicht nach waren die Diebe allein auf die Blei-Zinn-Legierung aus, "denn die Holzpfeifen und anderes Holzwerk sind relativ unangetastet". Kurt Zander erinnert sich noch gut an den Wochenendbesuch des pensionierten Lehrers und Hobby-Orgelbauers: "Er war fast zehn Stunden in der Kirche."

Der Gast aus Westfalen ist überzeugt, dass hier etwas geschehen müsse. So stellte er eine mit Fotos versehene und überaus detailgenaue Beschreibung der Orgel und ihres Zustandes zusammen, die durchaus zum Beispiel für die Beantragung eines Projektes herhalten könne, meint Kurt Zander. "Herbert Brügges Ansicht nach ist die Orgel deshalb so gut erhalten, weil 'glücklicherweise' die Fenster offen standen", berichtet er bitter. Das habe dafür gesorgt, dass sich Holzwürmer nicht halten konnten.

Brügge hat in seinem Schreiben außerdem einen kurzen Abriss zur Geschichte der noch gar nicht so alten Kirche nieder geschrieben: Demnach ist diese 1864 erbaut worden. Die Firma Heerwagen in Klosterhäseler bei Naumburg stellte 1870 die Orgel fertig. Es ist ein Werk mit acht Registern, sechs fürs Manual und zwei fürs Pedal. Im Kriegsjahr 1917 büßte die Orgel ihre Prospektpfeifen für Rüstungszwecke ein. Sie wurden laut einer Inschrift hinter einem Vorsatzbrett erst 1933 von einem Orgelbauer aus Wittenberge durch solche aus Zink ersetzt.

Im Jahr 2014 besteht die Brügger Kirche 150 Jahre, macht Herbert Brügge aufmerksam: Für ihn Grund genug, sich dem Erhalt des Gotteshauses zu verschreiben. Allein mit seiner Beschreibung der Orgel hat der Westfale Kurt Zander Mut gemacht, die Sicherung der Brügger Kirche anzugehen: "Ich wäre froh, wenn wir in den nächsten drei Jahren Fenster hinein bekämen und das Dach richtig abdichten könnten." Und vielleicht lassen sich ja auch die Brügger selbst vom Tatendrang anstecken, bei denen die Feldsteinkirche wohl in Vergessenheit geraten ist.

Märkische Allgemeine vom 14. Oktober 2006

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