Pistole auf die Brust gesetzt?

Handwerkerschaft Uckermark und Kirchenförderkreis streiten sich um Auszubildende

Von Oliver Schwers

Uckermark. Ein Tauziehen um Azubis des Überbetrieblichen Ausbildungszentrums Wriezen betreiben derzeit die Kreishandwerkerschaft Uckermark und der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg. Es geht um die Rettung der kleinen Kirche in Küstrinchen und um die große Politik.

Der Förderverein Dorfkirche Küstrinchen hatte den Taschenrechner bemüht und alles Geld zusammengekratzt. Derzeit sollte der zweite Bauabschnitt zur Rettung des desolaten Bauwerkes in dem kleinen Flecken nahe Lychen begonnen werden. Die noch vor zwei Jahren akut einsturzgefährdete Kirche fand urplötzlich viele Förderer und Freunde und erhielt in der Zwischenzeit ein neues Dach. "Eine kaum geglaubte Rettungsaktion fand in der von Arbeitslosigkeit stark betroffenen Uckermark mit der Dachdeckung einen vorläufigen Höhepunkt", würdigte Kreisbaudezernent Reinhold Klaus.

Jetzt wollten Einwohner, Sponsoren und Förderverein den ebenfalls stark gefährdeten Turm sanieren. Doch die veranschlagten 75.000 Euro verschwanden einfach nicht vom Taschenrechner. Mit einer beispielhaften Aktion, einem Benefizkonzert der Wiener Staatsoper und Stiftungsgeldern kamen gerade mal 20.000 Euro zusammen. Doch Fortuna half in Form eines Geschenks: Ein Unternehmen und eine Familie spendierten Dachziegel und das gesamte Bauholz. Nun kam der Förderverein auf eine unkonventionelle Idee: Die Arbeiten sollte das Überbetriebliche Ausbildungszentrum Wriezen (ÜAZ) als sinnvolles Azubi-Projekt ausführen. Der von der Bauwirtschaft finanzierte Träger begeisterte sich für die Sache. Nicht so die Kreishandwerkerschaft Uckermark. Geschäftsführer Rüdiger Fink brachte zwar seine Anerkennung für das "enorme ehrenamtliche Engagement" zum Ausdruck, versagte aber seine notwendige Zustimmung. Man könne eine Liste ähnlicher wünsche aufstellen, wolle sich aber nicht die "Pistole auf die Brust setzen lassen", hieß es in einem Schreiben an den Förderkreis. Man könne nicht das Handwerk für den Geldmangel verantwortlich machen. "Wegen einer seit Jahren andauernden falschen Wirtschaftspolitik fehlen dem Handwerk die notwendigen Aufträge, um Arbeitsplätze zu erhalten, um neue zu schaffen oder um unserer jungen Generation eine gesicherte Zukunft zu ebnen", so Rüdiger Fink. Mit dem Einsatz von Lehrlingen aus Bildungseinrichtungen für solche Projekte löse man keine Probleme, sondern verschärfe sie nur noch.

"Ich bin empört, dass man ausgerechnet uns die Politik zum Vorwurf macht" reagierte der Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, Bernd Janowski. Er kennt die finanziellen Kraftakte der inzwischen über 30 Fördervereine der Uckermark zur Rettung alter Gotteshäuser. "Das Handwerk muss flexibler reagieren und kann sich nicht nur stur stellen. Wir verlangen doch hier keine Schwarzarbeit."

Die erste Rettungsaktion die gesamte Dachdeckung des Kirchenschiffes wurde von privaten Firmen ausgeführt. Und auch die kommenden Bauabschnitte an Mauerwerk und Gesims können nur Fachfirmen vornehmen. Nur für den kaputten Turm reicht eben das Geld nicht. Dazu beigetragen haben auslaufende Förderprogramme des Bundes. "Wenn wir jetzt nichts machen, gehen uns vermutlich auch noch die Stiftungsgelder verloren", befürchtet Bernd Janowski.

Unterstützung erhielt der Förderkreis vom Landkreis Uckermark. "Hier findet keine Wettbewerbsverzerrung statt", urteilt Baudezernent Reinhold Klaus in einem Brief an die Kreishandwerkerschaft. "Weil diese Maßnahme ohne Jugendbauhütte und ÜAZ nicht stattfinden wird. Die notwendigen Mittel für die Vergabe der Leistungen auf dem freien Markt stehen nicht zur Verfügung."

Jetzt herrscht Krisenstimmung beim Förderverein. Nicht nur die Witterung macht der Kirche zu schaffen, sondern auch die große Politik.

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