Im Verein für die Kirche

In vielen Dörfern gibt es verfallene Kirchen – und Menschen, die für ihren Erhalt kämpfen

Zum vierten Mal vergibt der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg am 23. September den Preis „Startkapital für neugegründete Kirchen-Fördervereine“. Sechs sehr verschiedene Vereine sind die Preisträger ,darunter die Fördervereine in Wulkow und Kroppen. In diesem Jahr werden die Preise im Rahmen der Veranstaltung „Bürger fördern Gotteshäuser – Die Kirche dankt“ verliehen, einer Festveranstaltung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz für Kirchen – Fördervereine.

Von Amet Bick und Ute Sauerbrey

Etwa 1400 Kirchen gibt es in Brandenburg, viele unsaniert, einige sogar einsturzgefährdet. Auch die Baruther Kirche St. Sebastian ist vom Einsturz bedroht. Jahrelange Grundwasserabsenkungen haben Sauerstoff an die das Fundament tragenden Eichenpfeiler gelangen lassen, so dass diese durch Fäulnisprozesse stark beschädigt sind. Im Jahre 2000 ist mit der Sanierung begonnen worden, doch die Fördermittel für den noch offenen Bauabschnitt sind erschöpft. Laut Pfarrer Georg Thimme fehlen noch 120.000 Euro.

Catharina Elisabeth von Klöden ließ sich so um das Jahr 1692 eine private Kapelle errichten, nur ein paar Meter von ihrem Gutshaus entfernt. Über die Jahrhunderte hielt die kleine Gemeinde hier ihre Gottesdienste, ihre Toten begrub sie auf dem umliegenden Friedhof. Später wurde die Gemeinde immer kleiner, eine Gutsfamilie existierte nicht mehr und die Kapelle verfiel. Als Susanne und Marco Geitz vor acht Jahren nach Wulkow bei Kyritz kamen, konnte man die Kirche kaum noch betreten, weil sie so baufällig war. Das Dorf war in den 80er Jahren als Predigtstätte aufgegeben worden und Wulkow gehörte zu der evangelischen Gemeinde im Nachbarort Tornow.

Dorfkirche Wulkow
Bevor die ovale Fachwerkkapelle von Wulkow saniert werden konnte, musste sie an die Kommune Wusterhausen verkauft werden.

Das weitläufige idyllisch gelegene Dorf Wulkow hat 56 Einwohner. Nur eine Frau lebt hier, die auch im Ort geboren wurde, die anderen kamen irgendwann in den 70er Jahren hierher oder haben sich nach der Wende im Dorf ein Haus gekauft, um hier die Wochenenden oder die Ferien zu verbringen. Auch das Gutshaus gehört jetzt einer Berliner Familie. Die hohe Arbeitslosigkeit in der Region sorgt dafür, dass die jungen Leute wegziehen. In der Woche sind die beiden Söhne der Familie Geitz die einzigen Kinder im Dorf, nur am Wochenende, wenn die Urlauber kommen, gibt es noch ein paar mehr.

„Ein Dorfleben hatten wir früher nicht. Die Leute haben nicht miteinander gesprochen“, erinnert sich Susanne Geitz, eine Landschaftsplanerin. Geändert hat sich das durch den gemeinsamen Einsatz für die baufällige Kirche. Als das Land Brandenburg vor drei Jahren das Dorferneuerungsprogramm startete, war plötzlich Geld für die Sanierung da, allerdings kamen Gebäude, die nicht dem Land gehörten, nur in die Förderung, wenn ein gewisser Eigenanteil geleistet wurde. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg hatte für Wulkow kein Geld übrig, aber sie erklärte sich bereit, die Kirche aufzugeben und für einen symbolischen Betrag an die Kommune Wusterhausen zu verkaufen. 2002 wurde mit der Sanierung begonnen.

Die Leute vom Förderverein fassten mit an, machten Putzarbeiten, legten den neuen Stromanschluss, pflasterten den Weg über den Friedhof zur Kirchtür. Die Kirche gehört für die Menschen zum Dorf. Wenn mit ihr in den letzten Jahren auch viele traurige Erinnerungen verbunden sind, denn lange Zeit war sie ausschließlich die Leichenhalle des Ortes. Der im Dezember letzten Jahres von 16 Gründungsmitgliedern ins Leben gerufene Verein „Kunst- und Kulturkirche Wulkow“, der sich darum kümmert, dass die Kirche wieder vielfältig genutzt wird, bekommt das zu spüren. Als die Bürgermeisterin in der Kirche zum Adventskaffee eingeladen hat, hätten sich viele daran gestört. „Eine Frau meinte, sie könne nicht dort Kaffee trinken, wo vor ein paar Jahren ihre tote Tochter aufgebahrt war“, erzählt Marco Geitz. Aber der Verein hofft, dass die Kirche, wenn es hier wieder mehr Veranstaltungen gibt, nicht mehr nur als Friedhofskapelle wahrgenommen wird. Jedes Jahr zu Pfingsten wird zum Konzert eingeladen, Kinder werden hier getauft und vor vier Wochen haben Susanne und Marco Geitz mit dem Dorf ihre Hochzeit gefeiert. Für Taufen und Hochzeiten bringen sich die Leute allerdings ihre Pfarrer meist selbst mit; für Wulkow als Ortsgemeinde fühlt sich keiner mehr zuständig. Letztes Jahr hat der Verein Joachim Harder, Superintendent des Kirchenkreises Kyritz-Wusterhausen und Pfarrer im Nachbarort Tornow, gefragt, ob er an Heiligabend einen Gottesdienst halten könnte. Wegen der vielen anderen Verpflichtungen an diesem Tag konnte er nur vormittags um 11 Uhr, für die Wulkower kein annehmbarer Vorschlag, und so feierten sie abends ihre eigene kleine Andacht ohne Pfarrer, lasen die Weihnachtsgeschichte, sangen und beteten miteinander. Mit 26 Leuten war die kleine Kirche voll. Dass sie quasi an der Kirchengemeinde vorbei die Dorfkirche wieder mit Leben füllen, enttäuscht viele im Ort.

Die Arbeit der Fördervereine ist nicht mehr wegzudenken“, sagt Matthias Hoffmann-Tauschwitz, Leiter des kirchlichen Bauamtes. Denn in der ländlichen Region sei es häufig so, dass ein Pfarrer sich um 20 Kirchen kümmern muss, da könnten kleine Gemeinden mit nur etwa zehn Christen nicht mehr versorgt werden. Die Fördervereine kümmern sich oft nicht nur um den Erhalt des Gebäudes, sondern übernehmen, indem sie auch die Nutzung organisieren, „gesellschaftsdiakonische Aufgaben“, wenn sie etwa zu einem Altennachmittag einladen. „Wir wollen mit der Nutzung der Kirche auch etwas für die kulturelle Belebung der Region tun“, erklärt Marco Geitz. „Es fehlt hier an allem.“

 Dorfkirche Kroppen
Die Kroppener Dorfkirche ist einer der wenigen Kirchenneubauten des 18. Jahrhunderts im Süden Brandenburgs.

Rund 200 Kilometer südlich von Wulkow liegt Kroppen. Hans Dietzel sitzt vor der Kirche, deren warmes, barockes Gelb in der Sonne leuchtet. Er ist Vorsitzender des Kirchbauvereins der Kirche zu Kroppen und engagiertes Gemeindeglied. Der Förderverein ist in Kroppen eng mit der Gemeinde verbunden, der Pfarrer hatte damals zur Gründungsversammlung eingeladen.

Fast dreihundert Jahre hat die große Kirche mit den Füßen im Wasser gestanden, und es hat ihr gut getan. Dann begann man in den siebziger Jahren, die Wiesen und Äcker rund um das Lausitzdorf trocken zu legen. Der Grundwasserspiegel sank, auf einmal war der Eichenrost, auf dem die Kirche ruht, im Trockenen und fing an zu faulen. Das wurde vor zwei Jahren offensichtlich, als sich Risse in der Decke der Kirche zeigten, die in den siebziger Jahren bereits einmal rundum renoviert worden war.

Hans Dietzel ist ein sehr gelassener Mensch, und so hört es sich fast unspektakulär an, wenn er beschreibt, wie die morschen Eichenbohlen mit modernster Technik und Hochdruck entfernt und ein neues Fundament unter die Kirche gespritzt wurde. Der 72-Jährige, der im Berufsleben Lehrer und viele Jahre Bürgermeister von Kroppen war, kam jeden Tag auf die Baustelle. Bei ihm laufen die Fäden zusammen – Anträge stellen, offene Ohren haben, wo es überall Fördermöglichkeiten gibt, mit dem zuständigen Ministerium und mit dem Konsistorium in ständigem Kontakt bleiben. – „Wer sich nicht meldet, kriegt nichts“, ist sein Motto. Er organisiert auch das nächste Benefizkonzert, die Unterkünfte für die Musiker, spricht die Ehrenamtlichen an, die Kuchen backen.

„In fast allen Fördervereinen, die gut laufen, gibt es einen Menschen, der der Motor ist und alle anderen mitreißt“, sagt Bernd Janowski, Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg. Dass sich in den Fördervereinen auch Menschen engagieren, die mit Kirche sonst nicht viel zu tun haben, irritiert die Gemeinden manchmal und sie haben Sorge, dass sie ihr Hoheitsrecht über die Kirche im Dorf verlieren könnten. Doch die Fördervereine sind „Ressourcen, auf die die verfasste Kirche nicht verzichten kann“, sagt Matthias Hoffmann-Tauschwitz. Viele Bürgermeister und Baufachleute seien Mitglied in den Kirchbauvereinen und würden eine Kompetenz mitbringen, über die die oft sehr kleinen Kirchengemeinden im Ort nicht mehr verfügen. Dass die Landeskirche am 23. September die Fördervereine einlädt, hat vor allem den Zweck, dass sie den Ehrenamtlichen danken möchte, die sie sonst nicht erreicht, also denen, die keine Gemeindeglieder sind. Und die trotzdem viel Zeit, Kraft und Können in den erhalt der Bauwerke stecken. Aber ob der Förderverein sich aus der Gemeinde entwickelte oder neben der Gemeinde besteht – dass eine Kirche ein ganz besonderes Gebäude ist, ist allen bewusst. Der Wulkower Verein kümmert sich als Nächstes um das Läutwerk. „Damit“, wie Marco Geitz sagt, „die Kirche wieder zu hören ist.“

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