"Anhalt ist eine Reise wert"

Berliner besuchten Dorfkirchen im Kirchenkreis Zerbst

Von Benjamin Lassiwe

Sonntag morgen, acht Uhr früh, vor dem Berliner Dom: Ein Reisebus sammelt seine Gäste ein. Rund 40 kulturinteressierte Berliner machen sich auf den Weg nach Anhalt. Sie nehmen an einer Exkursion des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg teil. Denn die im Kirchenkreis Zerbst gegründete Stiftung "Entschlossene Kirchen" ist so ungewöhnlich, dass sich die Dorfkirchenfreunde aus Berlin auf den Weg nach Anhalt machen. Kirchenpräsident Helge Klassohn persönlich hatte dazu eingeladen bei der Gründungsversammlung der Zerbster Stiftung sei man über das gemeinsame Ziel des Kirchenerhalts ins Gespräch gekommen, sagt Bernd Janowski, Geschäftsführer des 1990 gegründeten Förderkreises. Denn der Berliner Verein bemühe sich um den Erhalt der 1500 alten Dorfkirchen in Brandenburg, helfe bei der Gründung lokaler Fördervereine und sammele Spenden für besonders gefährdete Gotteshäuser. "Ein Blick über den Tellerrand kann da nicht schaden."

Einen ersten Stopp legten die Berliner an der Dorfkirche in Düben ein. Pfarrer Dankmar Pahlings hielt der Reisegruppe eine Andacht und mit einiger Verblüffung hörten die Berliner von den in der Kirchengemeinde gepflegten Weihnachtsbräuchen. Denn am heiligen Abend nehmen die Männer aus der Dübener Kirchengemeinde noch immer auf der Empore Platz, während die Frauen in den Kirchenbänken sitzen. Andere Gewohnheiten, wie etwa die Austeilung des Abendmahls beim ältesten weiblichen Gemeindeglied zu beginnen, habe man abgeschafft, erzählt GKR-Mitglied Kai Eichelbaum. "Aber bei uns ist die Kirche eben noch lebendig." Immerhin 50 der rund 550 Gemeindeglieder kommen regelmäßig zum Sonntagsgottesdienst in einem der sechs Gotteshäuser der Gemeinde, berichtet Pfarrer Pahlings. Über das Jahr verteilt gibt es die unterschiedlichsten Veranstaltungen vom Erntedankfest bis zu Adventsandachten, die reihum in den Wohnhäusern des Dorfes stattfinden. Im Zentrum aber stehen die Kirchengebäude, "denn damit identifizieren sich die Menschen", sagt Pfarrer Pahlings. "Deswegen wollen wir, dass unsere Kirchen auch in Zukunft noch betriebsfähig sind."

Ein ähnliches Bild bot sich auch in den anderen Kirchengemeinden, die die Gruppe aus Berlin auf ihrer Fahrt durch Anhalt aufsuchte. In Grimme, Deetz und Thießen ebenso wie in Hundeluft, wo Gemeindeglieder von den regelmäßigen Konzerten der Musikschule berichteten. "Durch solche Veranstaltungen sinkt auch bei Menschen, die der Kirche eher fern stehen, die Schwellenangst, eine Kirche zu betreten", sagt die Vorsitzende der Stiftung, Sonja Hahn. Der Kunsthistorikerin aus Garitz liegt der Erhalt der alten Kirchengebäude am Herzen wegen ihres historischen Wertes, aber auch, weil sie als Anknüpfungspunkte für den Glauben dienen. "Wenn man etwa mit einem Kindergarten in eine Kirche geht, fragen die Kinder sofort nach dem Mann am Kreuz plötzlich wird die Kirchenführung zu einer Fragestunde rund um den Glauben."

Von den anhaltinischen Dorfkirchen begeistert ist auch Bernd Janowski. "Viele Kirchengebäude hier sind in einem erkennbar besseren Zustand als in Brandenburg." Da sei eine Stiftung, die heute schon Geld für spätere Baumaßnahmen anspart, ein guter Weg, um den Erhalt der Kirchengebäude auch in Zukunft abzusichern. Und dass die Bustour am vergangenen Sonntag die letzte Besichtigungsfahrt der Berliner Dorfkirchenfreunde in Zerbst und Umgebung gewesen ist, kann sich Janowski auch nicht vorstellen: "Anhalt ist eine Reise wert."

Kirchenzeitung für Anhalt und die Kirchenprovinz Sachsen vom 24. September 2006

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