Hinterm Altar wuchern die Pilze

200 Dorfkirchen von Verfall bedroht

POTSDAM Pilze kennen keine Gottesfurcht. Seit Jahren frisst sich der Schwamm unbarmherzig durch das Innere des Vicheler Kirchenschiffs. Nicht nur in Wänden und Podesten, fast in der gesamten Dachkonstruktion wuchern die Sporen. Rund130 000 Euro wären nötig, um die Dorfkirche in Vichel (Ostprignitz-Ruppin) zu sanieren. Geld, das weder die Kirchengemeinde noch die Landeskirche hat. Wenn nicht bald ein Wunder geschieht, ist das Gotteshaus, ein außergewöhnlicher Backsteinbau aus dem Jahr 1867, nicht mehr zu retten.

Die Kirche in Vichel ist längst kein Einzelfall. Zahlreiche Dorfkirchen in Brandenburg befinden sich in einem äußerst schlechten Zustand. Viele der Gotteshäuser seien stark sanierungsbedürftig oder sogar vom Verfall bedroht, antwortete Kulturministerin Johanna Wanka (CDU) auf eine parlamentarische Anfrage. Seit der Wiedervereinigung hätten Land und Bund insgesamt rund 75 Millionen Euro zur Wiederherstellung kirchlicher Bauten in der Mark ausgegeben. Dennoch sind laut Staatskanzlei etwa 200 jahrhundertealte Dorfkirchen inzwischen unzugängliche Ruinen oder akut vom Verfall bedroht.

Die evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz gibt die Höhe des Sanierungsbedarf mit 500 Millionen Euro an; ein Großteil der betroffenen Kirchen stehe in Brandenburg. Aus den Staatsverträgen mit den Kirchen stehen den Angaben zufolge für die Sanierung der evangelischen Gotteshäuser 1,5 Millionen Euro jährlich zur Verfügung, für die katholischen etwa 250 000 Euro.

Auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz sorgt sich um die Gotteshäuser. Vor zwei Jahren hat sie deshalb die bundesweite Kampagne "Rettet unsere Kirchen" ins Leben gerufen. Gegenwärtig erreichen die Stiftung so viele Notrufe wie nie zuvor. "Die Lage hat sich in den letzten Jahren dramatisch zugespitzt", heißt es von Stiftungsseite. Immer mehr Kirchen im gesamten Bundesgebiet sind demnach von Verfall, Verkauf oder Abriss bedroht. Der Rückgang der Mitglieder in den Gemeinden und damit wegbrechende Kirchensteuern gefährden die Gotteshäuser, so die Denkmalschützer.

Ministerin Johanna Wanka sieht die Ursache für den schlechten Zustand der brandenburgischen Kirchen in der DDR-Zeit. Der Staat habe damals die Erhaltung oder Sanierung jahrzehntelang behindert, Baugenehmigungen verweigert oder Baumaterial nur unzureichend zugeteilt. Die Vicheler wollen unterdessen nicht länger auf ein Wunder von oben warten. Wie viele andere Kirchengemeinden auch, wollen sie nun einen Förderverein gründen und versuchen, mit Hilfe privater Sponsoren ihr Kleinod doch noch zu retten. mak/dpa

Märkische Allgemeine vom 08. Januar 2007

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