Alte Kirchen retten

Nikolaus Bernau

Wenn wir von Berlin aus auf der Autobahn nach Westen fahren, steht rechts ein Dorf mit einer Kirche, bei der die Eltern jedes Mal glücklich aufseufzen: Endlich hat sie wieder ein rot glänzendes Dach!

Neue Fenstergläser blitzen und die Ziegelmauern sind wieder verfugt - der Verfall der Kirche bis zur Wende war ein Symbol nicht nur für den maroden Zustand der DDR. Kirchenbauten sind ja mehr als nur Häuser, in denen mal mehr in Berlin und in Brandenburg meist weniger gebetet wird. Sie sind der Anker für soziale Nähe und Bindung, Traditionsbewusstsein, auch für wirtschaftliche Zukunftshoffnung. Eine Kirche ohne Dorf kann leben - ein Dorf ohne Kirche wird sterben, dass ist eine oft bestätigte Erfahrung.

Auch deswegen ist die Rettung der brandenburgischen Kirchen weit mehr als eine kulturelle Notwendigkeit. Nach Angaben der Landesregierung ist immer noch jede siebte Dorfkirche akut vom Verfall bedroht, etwa 200 der insgesamt mehr als 1 400 Gotteshäuser sind bereits Ruinen oder einsturzgefährdet. Seit fast eintausend Jahren beherrschen ihre mächtigen Feldsteinmauern das Antlitz der Landschaft - noch! Bis zum 6 Mai kann man in der Berliner Marienkirche eine Fotoausstellung des Förderkreises Alte Kirchen sehen, die sowohl die schweren Schäden - die mehr als ein halbes Jahrhundert Verfallszeit angerichtet haben - als auch die ersten Restaurierungserfolge zeigt.

In der Uckermark und in der Prignitz leiden die Gemeinden am meisten unter der Abwanderung und unter der Sturheit, dass Kirchenrestaurierung doch Luxus und anderes wichtiger sei. Dabei gibt es so prachtvolle Bauten wie die einstige Wallfahrtskirche von Alt-Krüssow nahe Heiligengrabe zu bewundern, die Wagner-Orgel in Felchow nahe Angermünde oder der neue Kirchturm in Rosow, nahe der polnischen Grenze, der als Stahlplastik auf die schon abgeschriebene Kirche gesetzt wurde.

Die Ausstellung zeigt aber nicht nur ästhetisch erfreuliche Alternativen etwa zur hemmungslosen Rekonstruktionslust der Berliner Stiftung Denkmalschutz, sondern auch ein Organisationsmodell, wie man es sich viel häufiger für die Denkmalpflege wünscht. Der 1990 nach englischem und westdeutschem Vorbild gegründete Förderkreis unterstützt zwar lokale Initiativen, hilft beim Beschaffen von Geldern und Materialien, bei der ersten Organisation und bei Notmaßnahmen, setzt aber sonst ganz auf die Selbsthilfe der Dorfbewohner. Ein Gerüst für die Kirche, dass für 5 000 Euro den Absturz der Decke verhindert, das kann finanziert werden - aber die oft über Jahre notwendige Grundinstandsetzung, die bedarf der Unterstützung aller, nicht nur der Christen in den Dörfern.

Berliner Zeitung vom 17. April 2007

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