Provokantes Großposter

Wittenberger Stadtkirche ist seit gestern offiziell verhüllt

ANDREAS KÖNIG

WITTENBERGE Es ist zwar nur ein riesengroßes Poster, aber der Ort und das Motiv sind mehr als ungewöhnlich. Ein 6,50 mal 12 Meter großes Bild einer typischen Plattenbaufassade leuchtet vom Turm der evangelischen Stadtkirche herab. Der ungewöhnliche leuchtende Fassadenschmuck will ein Achtungszeichen setzen, den Betrachter verwirren und "durchaus auch provozieren", wie Bernd Janowski, der Vorsitzende des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg sagte. Dazu trägt der Spruch bei, der auf dem Großposter prangt: "Erkennst Du nun, dass Gottes Haus auch Dein Haus ist?" Das biblisch anmutende Motto entstammt den Textern der Werbeagentur Jung von Matt. Die nämlich kam vor einiger Zeit auf den Förderkreis Alte Kirchen zu und wollte auf die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für den Erhalt der Kirchen aufmerksam machen. "Im Hinterkopf hatten die Verantwortlichen, dass sie sich mit dieser Aktion eventuell an einem Kreativwettbewerb beteiligen", sagte Bernd Janowski.

Dem Betrachter soll vor Augen geführt werden, welche Konsequenz es hätte, wenn der gewohnte Anblick der Kirche "hinter einer Allerweltsfassade verschwinden würde", wie es in der Projektbeschreibung heißt. Für ein halbes Jahr verwandelt sich die westliche Turmfront zumindest teilweise in eine ganz normale Plattenbaufassade, wie sie in Wittenberge, aber auch in vielen anderen Städten Ostdeutschlands zu finden ist. Das heißt, so ganz normal auch wieder nicht, denn auf welchem Balkon steht beispielsweise eine Gießkanne, wo es noch nicht einmal einen Blumenkasten gibt? Oder die Katze, die, fast zu einer Kugel zusammengerollt, vom imaginären Balkon herunter blinzelt auch sie verfremdet den Anblick des Kirchenbaus.

"Es gibt 1400 Kirchen im Land Brandenburg", sagte Bernd Janowski. "Die Kirche allein kann deren Erhalt nicht sichern. das geht nur, wenn sich alle Bürger dafür engagieren." Und genau dafür wolle die Aktion werben. Nach deren Ende darf die evangelische Kirchengemeinde das Riesenposter übrigens behalten, und "vielleicht für den guten Zweck versteigern", wie der Förderkreischef empfahl. Doch zunächst einmal soll die Dekoration für Kontroverse und Disput sorgen und auch so manchen Touristen in Erstaunen versetzen.

Die Verhüllung lockte übrigens nicht nur Schaulustige aus Wittenberge und Umgebung an, sondern sogar einen Interessenten aus der Schweiz. Michael Guggenheim von der Uni Zürich befasst sich mit der Umnutzung von Gebäuden und ist durch die Internetseite des Förderkreises Alte Kirchen auf das Vorhaben aufmerksam geworden. Er ließ sich das Konzept von Bernd Janowski und Pfarrer Reinhard Worch erläutern.

Märkische Allgemeine vom 18. Mai 2007

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