Verfremdung in der Verfremdung

Eine verhüllte Kirche mahnt

ANDREAS KÖNIG

Ein Hauch von Christo und Jeanne-Claude weht seit kurzem durch die Prignitz. Die evangelische Stadtkirche von Wittenberge ist verhüllt. Ein 6,50 mal zwölf Meter großes Textilposter bedeckt einen Teil des Kirchturms. Es zeigt eine typische Plattenbaufassade mit Balkons, Satellitenschüsseln und Teppichen über dem Geländer, allerdings ohne Menschen. Ein graues Schriftband fragt mahnend: "Erkennst Du nun, dass Gottes Haus auch Dein Haus ist?"

"Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass unserem Leben mehr fehlen würde als nur ein gewohnter Anblick, wenn die Kirchen aus den Ortsbildern verschwänden", sagt Bernd Janowski, Vorsitzender des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg. "Alle Bürger, auch Nichtchristen, tragen Verantwortung für den Erhalt der über 1400 Kirchen in Brandenburg."

Die Idee zur der Aktion stammt von der Berliner Werbeagentur Jung von Matt, sagt Janowski. "Die stellten uns das Konzept vor und haben gefragt, ob wir uns damit anfreunden könnten", erzählt er. Die Verantwortlichen der Werbeagentur hoffen, mit diesem Projekt einen Kreativpreis zu gewinnen. Trotz einiger Bedenken in den eigenen Reihen ließ sich der Förderkreis auf das Experiment ein. Nur eine geeignete Kirche sollte gefunden werden. "Wittenberge passte aus mehrerlei Gründen ins Konzept", erklärt Bernd Janowski. Zum einen hätte die einstige Industriestadt seit der Wende eine ganze Reihe von architektonischen Wunden zu verkraften gehabt, sodass die aus dem 19. Jahrhundert stammende Kirche unverzichtbar fürs Stadtbild ist, zum anderen sei auch das Motiv der Neubaufassade eine Verfremdung in der Verfremdung. Denn solche Kulissen werden in der Elbestadt seltener. Viele Plattenbauten sind schon abgerissen, andere saniert - die Stadt befindet sich im Wandel.

Ein halbes Jahr lang bleibt die Kirche - übrigens als einzige im Land Brandenburg - verhüllt. Die Organisatoren hatten mit Kritik an der Aktion gerechnet und sich auf rege Diskussionen eingestellt. "Aber in unserer Gemeinde hat die Verhüllung fast ungeteilte Zustimmung gefunden", sagt Pfarrer Reinhard Worch.

Für die Zeit nach der Aktion hat der Förderkreis Alte Kirchen den Wittenbergern bereits ein Geschenk in Aussicht gestellt. Die Gemeinde darf das Großposter behalten und vielleicht - empfahl Bernd Janowski den Wittenbergern - für den guten Zweck versteigern.

"Das ist eine interessante Möglichkeit, den Gemeindesäckel ein bisschen aufzubessern. Doch erst einmal bleibt die Kirche verhüllt", meint Pfarrer Worch.

Märkische Allgemeine vom 26. Mai 2007

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