Ruinen
und Perlen


Eine Exkursion mit
kirchengeschichtlicher Neugier
 Alt Placht
Alt Placht
Aus Alt wurde Neu: Die Fachwerk-Kirche in Alt-Placht stand kurz vor dem Abriss. Nach ihrer Sanierung lockt sie wieder Wanderer und Gläubige an. Fotos: dpa

 

Dass Brandenburg mehr bietet als verlassene Dörfer und frustrierte Jugendliche, hat Frank Pauli auf einer Rundreise mit der Arbeitsgeneinschaft für Uckermärkische Kirchengeschichte entdeckt. Rund um Templin hat er Kirchen besichtigt und Menschen getroffen, die Geschichten zu erzählen haben.

Von Frank Pauli

Dem Osten gehen die Frauen verloren, heißt es, als der Bus das brandenburgische Götschendorf passiert. Götschendorf liegt auf dem Weg zwischen Angermünde und Templin. Hier hat das alte Gutshaus neue Eigentümer gefunden. Demnächst sollen orthodoxe Mönche einziehen, wo einst kolonialisierende Zisterzienser slawischen Völkern das Heft aus der Hand nahmen. Ordensmänner aus dem Osten wollen den Märkern ein Beispiel frommer Lebensart geben. Manche mögen schmunzeln. Das wird ihnen wenig später vergehen. Sind doch die Realitäten am Exkursionsweg meist nüchtern.

In Ahrensdorf zum Beispiel, einem etwas abgelegenen Ortsteil von Templin, erstmals erwähnt 1320. Heute verteilen sich etwa 300 Einwohner über eine Ortsfläche von drei Kilometern. Altpreußisches Zweckmäßigkeitsdenken hatte ein turmlos-schliches Schul- und Bethaus geschaffen. Ein Stall war schon da, der ließ sich zum Kirchraum umwidmen. Die hinzugekommene Lehrerwohnung war bald zu klein. Manche, die heute hier leben, sind noch in die alte Schule gegangen.

1911 kam es zu einem richtigen Neubau. Die Feierlichkeit der Prozession, mit der die heiligen Geräte vom alten ins neue Haus überführt wurden, ist unvergessen, sagen die Dorfbewohner. Wie auch der Umstand, dass der Pfarrer sonntags vor dem Beginn des Gottesdienstes oft Geduld zeigen musste. Mangels Turm und Uhr hatten die Dorfleute von Pünktlichkeit noch keinen festen Begriff.

Den alten Kirchenbänken im neuen Kirchenraum wurde von Holzwürmern ein Verfallsdatum gesetzt; sie mussten von gut dreißig Stühlen abgelöst werden. Viele Sonntage vergehen gottesdienstfrei. Aber Erntedank uind Weihnachten sind bedeutsam geblieben; sonst finden sich eher wenige Besucher ein.

Aus einem Loch in der Mitte der Decke im Kirchenraum hängt das Glockenseil. Sollte diese Verbindung nach oben mal nicht mehr funktionieren, müsste man Zugang zum Dachgeschoss beim Nachbarn erbitten, der das alte Schulhaus gekauft hat. Einen anderen Weg in den Dachstuhl als über sein Haus gibt es nicht. Ob sich das einfache Gebäude überhaupt halten lässt? Für die Frommen von Ahrensdorf gar keine Frage. Mit Zähnen und Klauen werden sie für den Betsaal kämpfen.

Kampf für die
Alt-Plachter Kirche

Die Reise geht nach Alt-Placht. Um den Fachwerk-Ständerbau des "Kirchleins im Grünen" muss sich wohl keiner mehr Sorgen machen. Vor dreißig Jahren sollte er abgerissen werden. Das Inventar lag schon draußen. Die Glocke sollte zu anderer Bestimmung abgeholt werden. Aber da schritt ein Kirchenliebhaber ein - brüllend, kochend vor Zorn kündigte er die Polizei an. Das brachte Rettung in letzter Minute. Ein Wohlhabender und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz teilten sich die Wiederherstellungskosten. Die neue Orgel kann sich hören lassen. Anders als früher breitet sich ein Reetdach über die ganze Idylle. Das schmückt den Wald. Wanderer staunen.

Dann kommt Gandenitz. Noch bis in die Tage der Zisterzienser reicht das Alter der Gandenitzer Kirche zurück. Nur eine steinreiche Landschaft kann sich Gemäuer von dieser Art leisten; seine Mächtigkeit reicht bis zu eineinhalb Metern. Anderes Material ist längst den Würmern erlegen. Deswegen ist der Turm nun beinahe neu. Ein Kanzelkorb mit nicht mehr ganz perfekten Grisaille-Malereien ist vom einstigen Kanzelaltar gerade noch übrig geblieben; er soll restauriert werden. Seit den neunziger Jahren wird die historische Erbschaft mit Hingabe umsorgt.

Gandenitz
und die
vielen Steine

Wenn auch ein wieder hervorgeholter nazarenischer Heiland über dem Altar vielleicht nicht jedem Besucher ganz stilkonform vorkommen dürfte, so ist eine naive Frische im Umgang mit dem alten Kirchraum an der Südwand nicht zu übersehen: Auf einem neuen Wandbild kommen Petrus und Paulus, die Patrone des Gotteshauses, in guter Laune einher; die Kirche von Gandenitz selbst gibt zu ihrem Auftritt den Hintergrund ab.

In jüngerer Zeit hat sich das Peter- und Paulfest neben Erntedank wieder einen festen Platz in den örtlichen Bräuchen erobert: Da gibt es einen Umzug, Kaffee und Tanz. Die Teilnahme wächst, sagt der Pfarrer. Und damit offenkundig auch das Bewusstsein, dass die Kirche doch unablöslich zur Mitte des Dorfes gehört - selbst, wenn sich das in den unregelmäßig gewordenen Gottesdiensten nicht unbedingt zeigt. Auch hier reichen oft die Finger einer Hand, um die Teilnehmer zu zählen.

Die Situation in Annenwalde ist kaum anders. Einem griechischen Tempel ähnlich war die dortige Saalkirche nach Vorgaben Karl Friedrich Schinkels gebaut und 1835 eingeweiht worden: eine kleine Perle preußischer Baukunst, die schlicht sein sollte und die den Bemühungen der Zeit um eine "Normalkirche" - im Sinne einer ländlichen Schlichtskirche - als beispielhaft galt. Der König hatte für eine Turmuhr 300 Taler locker gemacht. Doch das Geld ist seinem Zweck offensichtlich nicht zugeflossen - auch Annenwalde kam weiterhin ohne Turm und Zeitanzeiger über die Jahre. Im Inneren werden die Blicke von den in der Schinkel-Schule beliebten Sternen an der Tonnendecke nach oben gelenkt.

Nach 1945 war die Kirche in besorgniserregendem Zustand. Richard von Weizsäcker leitete mit einer Spende die Erneuerung ein. Die 50 000 Mark des ihm verliehenen Köckritz-Preises der Deutschen Stiftung Denkmalschutz stellte er zur Verfügung. Einzelne sind es, die viel bewegen. Deswegen wird die Gemeinde wohl auch den Namen ihres Ältesten und Gemeindekirchenratsvorsitzenden Engelmann in die Annalen aufnehmen. Der stammt nicht von hier, hat sich aber intensiv engagiert. Er wohnt in dem Hundert-Einwohner-Dorf, weil sein Herz es so wollte. 32 Mitglieder zählt die Kirchengemeinde. Vom hiesigen "Normalkirchen"-Format geht - Engelmanns Engagement während der Sanierung ist zu danken - wieder himmlische Majestät aus.

Die Kirchenruine
von Retzow

Dass ein Haus Gottes auch richtig zu Bruch gehen kann, zeigt die Ruine von Retzow. Sie ist "Wüstungskirche", wie die Uckermark etliche vorzeigen kann. Nur Außenmauern stehen noch; Lücken im Feldsteingemäuer öffnen den Blick für die Tiefe lange vergangener Zeiten. Bernd Janowski kann dazu Geschichten erzählen. An diesem Tag ist der Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg gleichzeitig Reiseleiter. Von Kriegen und Seuchen, die ganze Dörfer aussterben ließen, berichtet er, von Feuern, denen keine der hölzernen Bauernhütten standhalten konnte. In einsamer Zeugenschaft verharrte die Kirchenruine - als Denkmal, das später manchmal als Wallfahrtsziel, aber auch noch als Ort besonderer Gottesdienste aus dem Geist der Reformation dienen konnte.

Der Kirche von Küstrinchen - 1747 geweiht, vergleichsweise jung also - erging es anders. Sie war seit etlichen Jahrzehnten nicht mehr zu gebrauchen gewesen. Längst hatten Glocken und Kanzelalter ein neues Unterkommen gefunden. Gedanken an den Exitus aller christlichen Tradition lagen ganz nahe; da gelang auch hier - richtiger Moment, letzte Minute - noch eine Wende. Ein Förderverein wurde gegründet, das Dach erneuert, der alte Turm völlig ersetzt. Sogar Glocken wurden gefunden.

Viel Arbeit wurde als Eigenleistung erbracht. Wer einmal in dem weiten, immer noch unvollkommenen Bauwerk gestanden hat, spürt die Last noch unbeantworteter Fragen: Wer wird bewältigen, was noch zu tun bleibt? Christen leben kaum noch in dem 38-Einwohner-Dorf, räumt der Kirchenälteste Gomoll ein. "Das Dorf braucht einen Lebensmittelpunkt", sagt er. Und: Bei den Ostergottesdiensten letzthin habe sich die Kirche weit übers Dorf hinaus als anziehend erwiesen.

Ein Zugezogener ist Gomoll übrigens auch - mit Kindern, denen die Dorfluft bekommt, und mit Arbeit, die sich auch per Computer erledigen lässt. Manchmal wundert er sich über die merkwürdigen Vorstellungen in den Köpfen von Stadtleuten. Saßen da doch mal ein paar Berliner an der Bushaltestelle in Neuküstrinchen - am Ende des Dorfes - und wunderten sich, dass kein Bus kommen wollte. Mitten in den Schulferien, zu einer Zeit also, in der es für Busse kaum Bedarf gibt.

Die Kirche vom 22. Juli 2007

   Zur Artikelübersicht