Essay

Kirchen in Not

Von Dankwart Guratzsch

Der Endlosstreit über die Waldschlösschenbrücke in Dresden hat eines vor Augen geführt: Kulturgüter und Fortschrittsfuror befinden sich in einer unversöhnlichen Konkurrenz. Wenn der Tag des offenen Denkmals am 9. September Jahr für Jahr eine Völkerwanderung von Menschen auslöst, die die Gelegenheit nutzen möchten, Baudenkmäler zu besichtigen, so täuscht diese Begeisterung für die kulturelle Überlieferung über den Grundkonflikt hinweg. Die Vorstellungen von "Entwicklung" und "Bewahrung" kollidieren und scheinen einander auszuschließen.

Der Kampfplatz ist der öffentliche Raum - und damit das Lebensumfeld, das die Geisteskultur, und, nicht zu verkennen, auch die Wirtschafts- und Sozialkultur einer Nation tief greifend prägt.

Noch vor 80 Jahren hätte niemand für möglich gehalten, dass einmal Kirchen zu den besonders gefährdeten Bauwerken in Deutschland gehören könnten. Wenn damals in Kunstführern und Zeitungsaufsätzen auf ruinenhafte Kirchengebäude hingewiesen wurde, so geschah es nicht, um zu Spenden aufzurufen, sondern um bei den Lesern romantische Stimmungen zu wecken. Der Kirchentorso aus uralter Zeit, vielleicht eine Ruine aus dem Dreißigjährigen Krieg, vielleicht ein niemals vollendeter Bau, war ein Symbol der Vergänglichkeit alles Irdischen.

Heute symbolisiert Kirchenverfall den Verfall der Glaubensbindung breiter Schichten und des Respekts der Kirchenleitungen vor dem Kulturgut.

Pfarrern, die vor leeren Bänken predigen, ist die Erinnerung an Epochen, in denen die Kirche geistiger Mittelpunkt der Stadt und ganzer Regionen war, peinlich geworden. Hinzu kommt ein fragwürdiger Fortschrittsglaube, der auch in die Kirchen Einzug gehalten hat und mit Kategorien des Ewiggültigen nichts mehr anzufangen weiß. Den Rest besorgt eine "Ökonomisierung" des Denkens, das Gotteshäuser zu banalen Immobilien umfirmiert.

Nur vor diesem Hintergrund lässt sich erklären, dass 2007 nun sogar schon Spitzenwerke der Baukunst und städtebauliche Dominanten wie St. Marien in Rostock und die Wiesenkirche in Soest auf den Listen der akut gefährdeten Bauwerke in Deutschland erscheinen. Beide Kirchen sind Zielorte der Besucherströme am diesjährigen Tag des offenen Denkmals. Da spielt auch Heuchelei mit. Manch einer wird darunter sein, der seiner Kirche zuvor durch Austritt die Mittel entzogen hat, für den Erhalt der großartigen Wahrzeichen aufzukommen.

Die Wiesenkirche in Soest, nicht zu verwechseln mit dem bayerischen Rokokojuwel der "Wies", fehlt in keinem deutschen Reiseführer. Wie die Marienkirche in Rostock, ist auch St. Marien zur Wiese in Soest - wie sie richtig heißt - der Muttergottes geweiht. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts hatten die durch ihre Salinen reich gewordenen Kaufleute der Stadt mit dem Bau begonnen. Dass sich eine so kleine Stadt neben dem gewaltigen Massiv der Stiftskirche St. Patrokli auch noch ein solch himmelaufstrebendes, zweitürmiges gotisches Gotteshaus "leisten" konnte, ist allein schon eine Leistung von Epochencharakter. Aber das Bauwerk aus dem empfindlichen Grünsandstein bröckelt. Seine vor zwei Jahrzehnten eingeleitete Rettung wird zur generationenübergreifenden Aufgabe. Hat das 21. Jahrhundert die Kraft dazu?

St. Marien in Rostock, das mächtige Backsteingebirge am Marktplatz, stammt aus derselben Zeit. Dass die "Kirche zu unserer lieben Frau," wie der Schriftsteller Walter Kempowski das Gotteshaus nennt, überhaupt noch steht, verdankt sie dem Turmwärter Friedrich Bombowski und seiner Tochter Ursula. In der Bombennacht des 26. April 1942 setzten sie ihr Leben ein, um Brände am Turm und auf dem Dachfirst mit Handspritzen zu löschen. 1989 war St. Marien ein Zentrum des friedlichen Widerstands gegen das DDR-Regime. Und doch ist der Bau in seinen Grundfesten gefährdet. Die Statik der Gewölbe droht nachzugeben, durch die Dächer von zwei Kapellen rinnt der Regen, Bleiglasfenster splittern aus den Fassungen.

Es sind nur zwei Beispiele für den dramatischen Verlust an Glaubwürdigkeit, den die großen Kirchen und mit ihnen die Gesellschaft mit dem Elendszustand ihrer sinngebenden Bauwerke erleiden. Weite Teile der "spirituellen Landschaft" in Deutschland stehen zur Disposition. Während Bürger am Rhein und in Berlin das Aufblühen und Auftrumpfen des Islam mit immer größeren und stolzeren Moscheen mit Anklagen, Neid und sogar Missgunst verfolgen, liegen Hunderte christliche Orts- und Stadtkirchen in der Agonie.

Weder der Staat noch die Kirchen konnten sich bisher dazu aufschwingen, diesem geistigen Umbruch mit einer Offensive entgegenzutreten. Es sind die fleißigen, rastlosen, unverdrossenen Heerscharen des Denkmalschutzes, die dem Kulturverfall mit ihrem Einsatz trotzen und dem "Tod auf Raten" schon so manches unersetzliche identitätsstiftende Bauwerk entrissen haben. Allein in den Erhalt der Wiesenkirche zu Soest hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Veranstalterin des Tags des offenen Denkmals, 2005 und 2006 445 000 Euro gesteckt, für 2007 wurden bereits weitere 245 000 Euro genehmigt. St. Marien in Rostock erhielt von derselben Stiftung seit 1995 über 1,2 Millionen Euro.

Es sind Summen, zu denen unzählige Spender, selbst Rentner und kinderreiche Familien, ihr Scherflein beigesteuert haben. Aber es reicht nicht. Der Erhalt der kulturellen Identität des Landes ist eine Jahrhundertaufgabe, die noch ganz andere Summen und auch eine ganz andere Grundeinstellung und Opferbereitschaft erfordert.

Die kleinere "Stiftung KiBa" in Hannover, spezialisiert auf die Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland, hat allein im letzten Jahr 65 Kirchen gefördert. Sie kratzt für ihre Nothilfe jeden Euro zusammen. Und doch muss auch sie sich eingestehen, dass es noch ganz anderer Beträge bedarf. Grundlegend ist eine geistige Aufbauarbeit, die auf den Grundwahrheiten des Glaubens gründet und auch jene mitnimmt, die den Kirchen fern stehen.

Eine Strategie der Verunsicherung der Gemeinden durch Kirchenschließungen selbst in Kirchenbezirken mit intensiver Gemeindearbeit, wie sie derzeit im Ruhrgebiet verfolgt wird, kann diese Basis nicht schaffen. Sie hat in den Kirchen eine lange, verhängnisvolle Tradition. Schon der große preußische Baumeister Karl Friedrich Schinkel beklagte, dass gerade die Kirchen, "denen der größte und wichtigste Theil unserer Denkmäler bisher anvertraut war, nicht imstande waren, sie zu schützen". Ja er bezichtigt sie sogar, "durch eine niedrige Gewinnsucht geleitet, für einen armseligen financiellen Vortheil der Kirche Schätze fortgegeben (zu haben), um die das Vaterland ewig trauern wird".

Der Ausverkauf von Kirchen, wie er derzeit im Ruhrbistum vor sich geht - von 350 Kirchen werden 96 "entwidmet" - lässt eine solche dramatische Warnung als keineswegs anachronistisch erscheinen. Wie die Bochumer Kirchenhistorikerin und Architektin Christel Darmstadt vorgerechnet hat, haben die Kirchensteuereinnahmen nämlich mitnichten dramatisch abgenommen, sondern sind mit der Wiedervereinigung um 30 Prozent (eine Milliarde Euro) gestiegen. Auffällig ist auch, dass der Ruhrbischof vorrangig Kirchen an lukrativen Standorten außer Dienst stellt - ist die Vermutung da so abwegig, dass der Grundstückswert einer "Immobilie" eine besonders große Verlockung zu deren "Vermarktung" darstellt?

Eine andere Rechnung macht Susanne Raubold, Sprecherin des Kirchenkreises Alt-Hamburg, auf: "Nur 34 Prozent der Hamburger sind noch Kirchenmitglieder. In zehn Jahren sanken die Kirchensteuereinnahmen um 40 Prozent." Rein statistisch gesehen wird fast jede zweite der bundesweit mehr als 20 000 evangelischen Kirchen und Kapellen nicht mehr für Gottesdienste benötigt.

Stellvertretend für den großen Gesamtbestand an Baudenkmälern zeigt das Kirchensterben an, dass die kulturelle Substanz Deutschlands zu einer Verfügungsmasse geworden ist. Die Marienkirchen von Soest und Rostock stehen für einen Kulturbruch. Während sich Millionen Denkmalpilger zu den historischen Zeugen aufmachen, um ihnen ihre Geheimnisse abzulauschen, entzieht die ökonomisierte und globalisierte Gesellschaft diesen Monumenten die Existenzbasis. Am Ende könnte Schinkel ein zweites Mal Recht behalten. In demselben düsteren Orakel von 1815, in dem er sich über den Umgang mit den Kirchen äußerte und das zu einer Art Geburtsurkunde des Denkmalschutzes geworden ist, sagte er voraus, dass die Deutschen, wenn sie einmal losgelassen sind, anders als Römer, Griechen und Ägypter keinen Stein mehr auf dem andern lassen würden: "So werden wir in kurzer Zeit unheimlich, nackt und kahl, wie eine neue Colonie in einem früher nicht bewohnten Lande dastehen."

Die Welt vom 06. September 2007

   Zur Artikelübersicht