Zum Gotterbarmen

Für die Sanierung alter Dorfkirchen fehlt nicht nur in der Prignitz meist das Geld

BEATE VOGEL

BRÜGGE So muss es auch gleich nach dem Krieg ausgesehen haben: Durch kaputte Fenster pfeift der Wind, Schuttberge türmen sich zwischen teils zerbrochenen Kirchenbänken, dazwischen Teile der Kanzeldekoration. Überall Taubendreck, Glasscherben, herabgefallene Dachziegel. Die erst 1864 erbaute Kirche in Brügge (Prignitz) bot auch vor einem Jahr noch ein Bild des Jammers.

Der Brügger Kurt Zander beschloss, endlich etwas zu tun. Er mobilisiert seit dem vergangenen Herbst immer wieder die Bürger des Dorfes, um die kleine Kirche aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken. Dabei kann er auch auf die Unterstützung der unteren Denkmalbehörde des Landkreises bauen. Zander ist im Bauarbeitskreis des Kreiskirchenrats des Kirchenkreises Havelberg-Pritzwalk. Irgendwann fiel ihm auf: "Ich sorge überall dafür, dass Kirchen repariert werden, aber nicht unsere, die direkt vor meiner Tür liegt."

In Brandenburg gibt es rund 1500 Kirchengebäude, von denen die meisten in Dörfern stehen. Viele sind in einem ähnlichen Zustand wie das in Brügge. Sie haben kaum Chancen auf eine Sanierung, weil das Geld dafür fehlt. Würden nicht Dorfbewohner oder Fördervereine anpacken die Kirchen würden verfallen.

Eine funktionierende Kirchengemeinde gibt es in dem kleinen Prignitzdorf, das zum Pfarrsprengel Freyenstein (Ostprignitz-Ruppin) gehört, schon lange nicht mehr. Und für ungenutzte Kirchen hat auch die Kirchengemeinde kein Geld übrig.

Genau in diese Überlegungen platzte ein Anruf aus Mettingen in Westfalen: Ein gewisser Herbert Brügge hatte sich, aufgrund der Namensgleichheit, in seinem Urlaub die Kirche in Brügge angesehen. Nun wollte er sich auch im Inneren des kleinen Gotteshauses umschauen und war erschüttert: "Zum Gotterbarmen!", urteilte er in einem Brief an Kurt Zander. Herbert Brügge ist vor allem daran interessiert, dass die alte Orgel repariert wird.

Die Brügger griffen zunächst selbst zu Schaufel und Besen, denn Geld durfte es nicht kosten. Bei einem Arbeitseinsatz im Dezember 2006 reinigten sie das Innere des Feldsteinbaus. In den vergangenen Monaten waren dann Sicherungsmaßnahmen an dem maroden Gebäude an der Reihe.

Die Kirche war im Laufe der Jahre hinter wild wuchernden Büschen verschwunden und kaum noch zu sehen. Jetzt wird auch drumherum aufgeräumt: Seit Anfang Juli sind drei Ein-Euro-Jobber des "Natur- und Landschaftsschutz Denkmalpflege Fördervereins" in Streckenthin bei Pritzwalk dabei, den Wildwuchs um das Gotteshaus auszulichten. Wer jetzt in den Dorfring fährt, ist erstaunt über den malerischen Blick auf die kleine Kirche. Später soll das Gelände einen parkähnlichen Charakter bekommen.

Nach wie steht aber die Frage, was nach einer möglichen Sanierung mit der Kirche in Brügge passieren soll. Es gibt kein Nutzungskonzept. Dennoch gelang es der Kirchengemeinde, über den Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg (FAK) immerhin die Zusage für 3500 Euro Fördermittel zu bekommen.

Den Antrag hatten der zuständige Pfarrer und die untere Denkmalbehörde gestellt, erinnert sich Bernd Janowski, Geschäftsführer des Förderkreises. Dem FAK gehe es darum, alte Kirchen vor dem Verfall zu retten. Deshalb wurde Brügge unabhängig von einem Nutzungskonzept unterstützt. "Mit der Notsicherung kann man das Gebäude in eine Art Warteschleife versetzen", erklärt Janowski. Eine umfassende Sanierung würde der FAK in Brügge freilich nicht unterstützen, solange kein Konzept vorliegt, "aber das kann ja noch kommen".

Der Förderverein arbeitet ohne öffentliche Zuschüsse und finanziert seine Arbeit allein aus Spenden, Mitgliedsbeiträgen, dem Verkauf eigener Publikationen und Erlösen aus Verkaufsveranstaltungen. Er fördert am liebsten dort, wo es bereits Engagement gibt: "Es hat keinen Zweck, eine Sicherung vorzunehmen, wenn die Kirche niemanden interessiert", sagt Bernd Janowski.

Dem Verein gehören fast 400 Mitglieder an, darunter andere Vereine, Kirchengemeinden und Firmen. Der FAK stellt Kontakte zu Institutionen im Bereich der Denkmalpflege, zu Ministerien oder Stiftungen her. Einer der Schwerpunkte in der Vereinsarbeit ist seit 1999 das Projekt "Offene Kirchen". Jedes Jahr öffnen dazu Gotteshäuser ihre Pforten.

Seit 2002 wird über den Förderkreis das "Startkapital für neu gegründete Kirchen-Fördervereine" in Höhe von 2500 Euro ausgeschrieben. Heute werden weitere sechs Orte bei einer Feierstunde in Damelack (Ostprignitz-Ruppin) mit der Prämie bedacht. An mittlerweile 44 Fördervereine sind insgesamt 100 000 Euro ausgereicht worden.

Ebenfalls seit 2002 wird die "Dorfkirche des Monats" gewählt. Bereits vier Kirchen aus dem Landkreis Prignitz haben es auf die Liste geschafft: Die Wallfahrtskirche von Alt Krüssow, die Dorfkirche in Bölzke, die Kapelle Klein Linde und die Dorfkirche in Groß Lüben. Eine davon war sogar schon zweimal die "Dorfkirche des Monats": die Wallfahrtskirche in Alt Krüssow.

Über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde Alt Krüssow bei Pritzwalk mit der Fernsehshow "Ein Dorf wird gewinnen". Obwohl der kleine Ort angesichts der großen Konkurrenz kaum gewinnen konnte, bekamen die Alt Krüssower für ihre Teilnahme an der Sendung immerhin 50 000 Euro. 7000 Euro an Einzelspenden gingen beim Förderverein seit der Fernsehshow ein. Die wurden gut angelegt: Anfang August konnte nach siebenmonatiger Sanierung das bleiverglaste Giebelfenster aus 2300 Einzelscheiben wieder eingesetzt werden. Bis 2020 wollen die Alt Krüssower ihre Kirche komplett saniert haben: Dann wird sie 500 Jahre alt.

Schwerer dürften es da die Bölzker haben. Ihre Kirche neigt sich gefährlich zur Seite, ist einsturzgefährdet und darf nicht für öffentliche Veranstaltungen genutzt werden. In einem Arbeitseinsatz haben die Bölzker ihre kleine Kirche mit Stützbalken gesichert. Doch für weitere Sanierungsarbeiten fehlt auch hier das Geld.

Der Erfolg der Alt Krüssower spornt aber an. In Brügge wollen sich deshalb die Bürger um Kurt Zander weiter engagieren. Und auch kleine Erfolge sollen gefeiert werden: Im Herbst ist eine Kaffeetafel im neuen, alten Park rund um die Brügger Kirche geplant.

Märkische Allgemeine vom 14. September 2007

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