Ein himmlisches Blau

Altwustrow 
Aufsehen erregend: Die handge-malte Papierdecke in der Fachwerk-kirche von Altwustrow (Märkisch-Oderland) ist laut Experten etwas ganz Besonderes. Mit Hilfe von Spenden konnte der vom Verfall bedrohte Sakralbau gerettet werden. Foto: ddpGroßbildansicht

Altwustrow (MOZ) Die Kirche in Altwustrow (Märkisch-Oderland) ist winzig. Ein einfacher Fachwerkbau in einem kleinen Dorf. Und doch kam zum Sanierungsende sogar der scheue Milliardär Reemtsma extra aus Hamburg. Denn die kleine Kirche hat etwas ganz Besonderes: eine einzigartige, himmelblaue Decke aus Papier.

Als Hermann-Hinrich Reemtsma vor ein paar Jahren die Kirche in Altwustrow das erste Mal betrat, wusste er sofort, dass dieses kleine Gotteshaus etwas Besonderes ist. Er wollte unbedingt die Decke erhalten. Dafür spendete er mit seiner Stiftung insgesamt 131 800 Euro.

Denn diese Decke ist für Norddeutschland einzigartig. Sie ist aus Papier, genauer: aus handgeschöpften Flachspapierbögen. Sie zu einer Decke zu fügen ist ein aufwändiges Verfahren, denn die einzelnen Bögen sind nur etwa 32 mal 44 Zentimeter groß. Saniert erstrahlt das Papier wieder himmelblau. Der Farbton wird Preußisch-Blau oder Berliner Blau genannt, ein intensiver, warmer Blau-Ton, der in ein helles Grün tendiert.

Die klassizistische Decke ist handgemalt, mit freundlich strahlenden Sonnen und plastisch wirkenden, gelben Ornamenten. In der Mitte wird der heilige Geist mit einer blauen Taube symbolisiert. Kurios sind die goldenen Maja-Gesichter, die nicht in diese Zeit und in diese Kirche passen wollen. Genauso wie die gesamte Papierdecke eher in ein Schloss denn in eine Kirche passt.

Kurios ist allerdings auch die Entstehung der Kirche selbst, denn das Gebäude ist ein Schwarzbau. Sie wurde im Jahre 1789 ohne Baugenehmigung von 13 Bauern errichtet. Die Menschen in dem Dorf wollten ein Schul- und Bethaus und bauten einfach drauflos. Sie waren wütend, weil der Bauantrag für ein größeres Schulgebäude vom Amt abgelehnt wurde. Zunächst entstand nur ein Fachwerkbau, erst 1832 bauten sie einen Turm an. Zu dieser Zeit soll auch die Decke entstanden sein.

Sechseinhalb Jahre dauerten die Sanierungsarbeiten an der Kirche. Sie kosteten rund 800 000 Euro. Daran beteiligten sich Sponsoren wie die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die Oetker- und die Reemtsma-Stiftung sowie Land und Bund. Noch 2001 sah es schlimm aus in Altwustrow, erzählt Kirchenoberbaurat Matthias Hoffmann-Tauschwitz. "Der Platz um die Kirche war ein einziges Schlammfeld. Mitten drin stand windschief die alte Kirche", sagt er. Grundwassersenkungen im Oderbruch hatten das denkmalgeschützte Gotteshaus innerhalb kürzester Zeit in eine gefährliche Schieflage gebracht und an einer Seite bis zu 40 Zentimeter einsinken lassen. "Der schöne barocke Kanzelaltar stieß gegen die Decke. Das Dach war nicht regendicht, der gesamte Bau einsturzgefährdet. Die einzigartige Papierdecke hing in großen Fetzen von der Decke." Zu DDR-Zeiten war sie unter Holzplatten versteckt gewesen und damit auch konserviert worden.

In einer spektakulären Ak­tion wurde die Kirche Ende 2001 um 15 Zentimeter angehoben. Vom Fundament bis zum Dach stabilisiert und restauriert sowie mit weißem Kalk verputzt. Bei der Sanierung in der Kirche trat eine weitere Besonderheit zu Tage: Unter der blauen Papierdecke lag eine weitere Deckenbemalung versteckt, eine bäuerliche Wolkenmalerei in kräftigem Rot auf Weiß, die eigentlich viel besser zu dem barocken Inventar passte und viel älter als die blaue Decke war. "Wir mussten uns für eine entscheiden", sagt der Kirchenoberbaurat. Wegen ihrer Einzigartigkeit für Brandenburg entschied man sich für die himmelblaue Empire-Decke.

Die Kirche kann täglich besichtigt werden. Den Schlüssel bekommt man bei Klaus Schröder, Telefon 033457 5341.

Märkische Oderzeitung vom 04. Oktober 2007

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