Kassenautomat im Altarraum

Dorfkirchen in Brandenburg: Eine Schau im Wentzingerhaus

Kirche in Riedebeck 
Kirche in Riedebeck
Foto: Eckert

Die Hälfte der 1400 Dorfkirchen in Brandenburg ist vom Verfall bedroht. Eine Ausstellung im Freiburger Museum für Stadtgeschichte im Wentzingerhaus informiert über die Situation und über das ehrenamtliche Engagement, diese Gebäude zu erhalten. Zahlreiche Fotografien zeigen Brandenburger Landschaften und Dorfansichten und dokumentieren die Schönheit alter Dorfkirchen, von denen viele noch aus dem 12. und 13. Jahrhundert stammen. Texttafeln informieren über die kulturgeschichtlichen Hintergründe, die aktuelle Lage und die Bemühungen, sie zu bessern. Die Ausstellung ist übersichtlich gegliedert und sehenswert. Konzipiert wurde sie vom Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, einem überkonfessionellen Verein, der sich die Rettung und den Erhalt der Kirchen zum Ziel setzt. Die evangelische Landeskirche sieht sich angesichts der schwindenden Bevölkerungszahlen und des abnehmenden Anteils an Mitgliedern außer Stande, diese Last zu schultern.

Es gibt Orte mit nur noch 40 Prozent der ursprünglichen Einwohnerzahl. Nur noch 20 Prozent der Brandenburger sind eingetragene Christen, so Hans Krag vom Förderverein. Und auch von diesen besucht nur noch ein Bruchteil die Gottesdienste. "Deutschland ist in weiten Teilen Missionsgebiet", so Krag. Der Erhalt der Kirchen ist aus denkmalpflegerischen Gründen bedeutsam, aber auch, weil die Kirchen von identitätsstiftender Wirkung sind. Nach der Schließung vieler Tankstellen und Supermärkte sind sie die einzigen öffentlichen Räume in den Dörfern. Dass Kirchen mehr sind als Zweckbauten erkennen die Menschen oft erst, wenn sie abgerissen werden sollen, so Krag. Dem Förderverein gelingt es in vielen Fällen, die Dorfgemeinschaft zum Engagement für ihre Dorfkirche zu motivieren. Bislang konnte er zur Rettung von 113 Kirchen beitragen.

Der Einsatz für die Dorfkirchen hat auch wirtschaftliche Bedeutung. Eine intakte Dorfstruktur hält Bewohner im Ort, macht ihn für neue interessant und auch für den Tourismus attraktiv. Aussicht auf Erfolg hat das Engagement für eine Kirche nur, wenn die Dorfgemeinschaft mitwirkt. Um das Interesse der Bewohner zu wecken, organisiert der Förderverein Konzerte oder Vorträge über die Dorfgeschichte. Da stellen dann viele fest, erklärt Krag: "dass ihre Dorfgeschichte auch die Geschichte ihrer Kirche ist".

Werden die Gebäude nicht mehr als Kirche gebraucht, dann sollten sie wenigstens mit anderer Nutzung erhalten werden. So fungieren Kirchen in der Uckermark auch als Jugendtreff oder als Fischereimuseum. Sehr zum Bedauern des Fördervereins gelang es in einem Fall nur dadurch, eine Kirche zu erhalten, dass sie als Bank genutzt wird. Wo früher der Altar stand, ist jetzt der Kassenautomat. Die Alternative wäre der Abriss gewesen.

Thomas Lachenmaier

- Wentzingerhaus, Münsterplatz 30, Freiburg. Bis 21. Oktober, Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr.

Badische Zeitung vom 08. Oktober 2007

   Zur Artikelübersicht