Keine Gnade für Holzwürmer

Ein Amerikaner rettet brandenburgische Orgeln vor dem Verfall

LOUISE ALLGAIER

BERLIN Er ist eine Art Don Quijote der brandenburgischen Orgeln. John Barr, ein 60-jähriger Amerikaner, kämpft beharrlich gegen gefräßige Holzwürmer und die Mühlen der deutschen Bürokratie. Die Königin der Instrumente hat es dem Wahlberliner angetan. Schon als Kind, so erzählt der Sohn eines evangelischen Pfarrers, habe er viel Zeit in der Kirche verbracht und wie hypnotisiert den Pfeifenklängen gelauscht. Eine "angeborene Orgelmacke" nennt Barr sein Interesse.

Das Germanistikstudium brachte ihn in den sechziger Jahren aus Kalifornien nach Göttingen. Nebenher jobbte er in einer Orgelfabrik und spielte auf Hochzeiten was er als "grauenhafte Beschäftigung" in Erinnerung hat, denn "für die Mütter der Bräute gab es immer etwas zu meckern". 1985 zog der Amerikaner nach Berlin, um als Übersetzer zu arbeiten. Seit fünf Jahren nun beschäftigt sich Barr mit der Restauration von brandenburgischen Kirchenorgeln. In den Dörfern rund um Berlin ist der Mann mit dem liebenswerten Akzent schon eine kleine Berühmtheit. Anfangs stieß er dort auf reichlich Skepsis: Ein "Wessi", der "für lau" ihre Orgeln reparieren wollte? Das konnten sich viele nicht vorstellen.

Mittlerweile besteht sein Team aus acht Leuten. Alle arbeiten ehrenamtlich, die bislang ausschließlich evangelischen Gemeinden übernehmen lediglich die Material- und Fahrtkosten. Barrs Truppe bewältigte bislang zwei große Projekte und etwa 20 kleinere.

Derzeit werkelt Barr mit dem Schreinermeister Ralf Ritzrow und Peter Gibeau, einem eigens für dieses Projekt beurlaubten Musikwissenschaftler der Universität von Wisconsin, an der kleinsten Hollenbach-Orgel der Welt. Das Instrument aus dem Jahr 1883 rottete lange unbeachtet in der 300 Jahre alten Dorfkirche von Rägelin bei Neuruppin vor sich hin. Nun wird Die Orgel fachmännisch wieder aufgemöbelt.

Barr ertrinkt in Anfragen von Gemeinden. Etwa 200 Instrumente in Brandenburg hält er für "vollkommen unbespielbar". Der Orgelfreund zieht Bilanz. "Drei große Projekte in fünf Jahren..., da kann man sich ja ausrechnen, dass ich das nicht mehr schaffe", meint er. Die Orgeln will Barr trotzdem nicht ihrem Schicksal überlassen. Seine neueste Idee ist eine Orgelstiftung. Ende des Jahres will er ein Konzept vorlegen. Zehn Angestellte sollen dann mitarbeiten. Barrs Zuversicht ist begründet: Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, sagt er, zeige bereits Interesse an seinem Vorhaben.

Mit den Behörden allerdings hat der Amerikaner manchmal seine Probleme. Schmunzelnd erzählt Barr, dass man ihn schon mal als "zupackenden Cowboy" bezeichnet habe, weil er sich ab und an nicht ganz an die deutschen Spielregeln halte. Die Mühlen der Behörden mahlen ihm einfach zu langsam, und die offiziellen Lösungen sind meist um ein Vielfaches teurer. So ersteigerte er auch schon mal ein altes Instrument für einen Euro bei Ebay und schenkte das Instrument dann einer Kirche in Brandenburg.

Im Gotteshaus von Rägelin sind etwa 5000 Euro nötig, um die Orgel zu reparieren. "Das Teuerste sind die neuen Zinn-Pfeifen", erklärt Barr. Die Originale aus Zinn wurden im Krieg entfernt und eingeschmolzen, ihnen folgten später billige Imitate. Bald soll die Musik wieder durch richtige Pfeifen tönen und möglichst viele Hörer in die Kirche locken, das wünscht sich der lebensfrohe "Orgelvater". Als Lohn für die Mühen. John Barr nennt die kleine Orgel zärtlich "Prinzessin".

Märkische Allgemeine vom 16. Oktober 2007

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