Es rascheln Totenkronen

Sylvia Müller spürte einen brandenburgischen Brauch auf

MARLIES SCHNAIBEL

HAVELLAND Auf dem Dachboden der Kaulsdorfer Kirche hatte sie vor zehn Jahren vier verstaubte Holztafeln entdeckt und mühsam entziffert. "Ich habe nicht gewusst, was das war", erinnert sich Sylvia Müller. Heute hält die promovierte Bau- und Kunsthistorikerin Vorträge über den Totenkronenbrauch in Brandenburg und Berlin, bestückt Ausstellungen, hat ein Buch dazu geschrieben. Im Reinickendorfer Museum in Alt-Hermsdorf läuft seit Anfang des Monats eine Ausstellung "Vergessene Denkmäler der Liebe" dazu.

Der Totenkronenbrauch lebte vor allem vom 17. bis ins 19. Jahrhundert. Auf Holztafeln mit Konsolen, die mit Kronen und Bändern geschmückt waren, wurde der unverheirateten Toten gedacht. Kinder meist, Jugendliche. Es sind die Zeiten hoher Kindersterblichkeit. Die Totenkrone wird zum Ersatz für die zu Lebzeiten entbehrte Brautkrone. Die Konsolenbretter enthielten neben Lebens- und Sterbedaten oft einen tröstenden Spruch, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert kamen verglaste Kästen für Totenkränze auf. Die Kronen selbst sind heute jedoch nur wenige erhalten, oft überdauerten lediglich die Bretter.

Und auch sie gingen vielerorts verloren. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden etliche Kirchen renoviert. Totenkronen und ihre Schaugestelle wurden massenhaft aus den Kirchen entfernt. Mit ihnen ging auch das Wissen um diesen Brauch verloren.

Schon Theodor Fontane bedauerte das: "Es ist jetzt Sitte geworden, die Kirchen dieses Schmuckes zu berauben... Soll alles fort, was diesen Stätten Poesie und Leben lieh? Was hat man denn dafür zu bieten?" Fontane hatte es noch anders erlebt. "Und doch das Ganze nicht ohne stillen Reiz. Krone neben Krone; gestickte Bänder, deren Farben halb oder auch ganz verblassten; dazwischen Myrten und Immortellenkränze im bunten Gemisch", so hatte er es in Geltow erlebt. Und so wie Fontane einst übers Land und durch die Kirchen zog, so hat auch Sylvia Müller Gotteshäuser und Museen erkundet.

Auf manches Beispiel ist sie gestoßen. In der Rathenower St. Marien und Andreaskirche wurden bei Ausgrabungen Schädel mit den Resten einer barocken Totenkrone gefunden. In der Markeer Dorfkirche hängen sieben Kronenbretter. "Oft werden solche Bretter von den Besuchern nicht wahrgenommen, weil sie nicht so spektakulär sind wie ein Altar oder ein Taufengel", hat Sylvia Müller ihre Beobachtungen gemacht.

Die Markeer Tafeln stammen aus den Jahren 1736 bis 1848. Bei der Renovierung der Kirche 1935 hatte man auch diese Holztafeln erhalten. Das Brett von Catharina Sophia Henckel, die 1736 starb, ist eines der ältesten, größten und schönsten bisher aufgefundenen brandenburgischen Beispiele. Er enthält einen Trostspruch für die Hinterbliebenen, in dem es unter anderem heißt: "Wer mag nun den beweinen,/ Der bey den Engeln lacht./ Fahr wol, o liebe Seele,/ Geneuß der süssen Lust!"

Im inzwischen geschlossenen Stadtmuseum Nauen fand Sylvia Müller drei Totenbretter, sie stammen aus den Jahren 1760, 1830 und 1846. Das älteste Denkmal hing einst in der Dyrotzer Kirche, es wurde zum Andenken an Christian Friderich Petsch aufgehängt, der hier starb, seine Lebenszeit betrug 4 Jahre, 7 Monate und 7 Tage.

Auch andere Tafeln gelangten in Museen. So wurden 2001 in Nassenheide sechs Gedächtnistafeln aus dem 19. Jahrhundert in die Heimatstube überführt.

Viele Beispiele aus allen Regionen Brandenburgs hat Sylvia Müller zusammengetragen. Sie will mit ihrer Arbeit das Wissen um diesen Brauch wachhalten. Ihre Ausstellungen und Lesungen rufen eine große Resonanz hervor. "Die Leute reagieren erstaunt und offen", erzählt sie, "sie sind sehr berührt und dankbar, dass ich den Brauch ins Bewusstsein hebe." Immer wieder kommt sie mit den Besuchern ins Gespräch, sie erhält Anrufe oder Post. Das alles zeigt ihr, wie groß das Bedürfnis der Menschen ist, sich mit der Trauer zu beschäftigen, vor allem, wenn ein Kind stirbt.

Und mancher versteht jetzt ältere Texte und Gedichte besser. Etwa wenn Peter Huchel in dem Gedicht "Späte Zeit" schreibt: "Horch, es rascheln Totenkronen, Nebel ziehen und Dämonen."

Märkische Allgemeine vom 23. Oktober 2007

   Zur Artikelübersicht