HOFFNUNG - Studien sehen eine Rückkehr des Religiösen. Doch vollzieht sich dieser Trend nicht immer innerhalb der Kirchen. Ein Blick nach Brandenburg, wo alte Gotteshäuser als neue Zentren wiederbelebt werden.

Glaube, Liebe und Patchwork

Von Lucy Breucha und Martin Klesmann

 Alt Placht
 
Alt PlachtDas Kirchlein im Grünen in Alt Placht strahlt in neuem Glanz (o.). Bei der Renovierung des zerfallenen Baus (u.) half der Vater von Angela Merkel.
Alt Placht

ALT KRÜSSOW. Mehr als 1 000 kleine Dorfkirchen gibt es im Land Brandenburg. Jahrhundertelang waren diese Kirchenbauten aus Feldstein, Fachwerk oder Putz das öffentliche Zentrum eines jeden Ortes. Die allgemeine gesellschaftliche Säkularisierung, vor allem aber der kirchenfeindliche DDR-Staat, sorgten in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts dafür, dass diese Sakralbauten ihre Bedeutung verloren. Sie gerieten in Vergessenheit oder verfielen.

Doch längst regt sich wieder etwas. In Brandenburg gibt es derzeit 230 Fördervereine, die alte Kirchen sanieren und vor dem Verfall bewahren wollen. Viele Tausende Menschen engagieren sich. Gläubige und bekennende Atheisten. Zum Beispiel in Alt Krüssow in der Prignitz: Mitten in dem kleinen Dorf steht die mächtige Wallfahrtskirche, die vor 480 Jahren zahlreiche Pilger und viel Geld in den Ort brachte. In den vergangenen Jahrzehnten aber verkam der Saalbau, das Dach war einsturzgefährdet, die Fensterscheiben eingeworfen. Von den hundert Einwohnern waren knapp zwanzig formal evangelische Christen, nur vier davon besuchten noch den Gottesdienst in der Kirchenkapelle, der alle sechs Wochen gefeiert wurde. Vor fünf Jahren gründeten drei Pfarrer, ein Tierarzt sowie kirchenferne Bauern und Handwerker einen Förderverein, um die Kirche zu retten. Der Gasthof war längst geschlossen, die Kirche der letzte öffentliche Bau im Ort.

Ein Kulturbruch auf dem Land

Der zwölf Meter hohe Saalbau mit dem Schmuckaltar ließ die Menschen in Alt Krüssow nicht kalt. "Wenn Du die Tür zur Kirche aufstößt, dann nimmt Dich etwas gefangen", sagt Uwe Dummer, 59. Der Unternehmer ist im Nachbarort aufgewachsen und einer der Initiatoren des Fördervereins. Er beschreibt, wie die Dorfbewohner anfangs argwöhnisch um die mächtige Kirche herumgeschlichen sind, als sich dort der Förderverein traf. Mit der Zeit aber traten immer mehr Einwohner dem Förderverein bei, die Mitgliederzahl hat sich bis heute mehr als verdoppelt. Viele Nichtchristen helfen inzwischen mit. Längst finden in dem mächtigen Kirchenbau Blues- und Bläserkonzerte statt, auch Friedrich Schillers "Kabale und Liebe" haben sie hier vor den Dorfbewohnern aufgeführt. Jüngst machte der ganze Ort bei der Fernsehsendung "Ein Dorf wird gewinnen" mit. Dafür mussten fast alle Einwohner einen Kreis um die Kirche bilden. Dabei hielten sie sich an den Händen. Ein symbolisches Bild. Die Kirche stand wieder im Mittelpunkt des Dorfes. Und man gewann immerhin 50 000 Euro für die weitere Sanierung des Gotteshauses.

Woher kommt diese Wiederbelebung der Kirchen? "Wir haben es auf dem Land mit einem Kulturbruch zu tun", erläutert Bernd Janowski vom Förderkreis Alte Kirche Berlin-Brandenburg. Noch zu DDR-Zeiten hätten in den Dörfern fast alle Menschen vor Ort Arbeit gehabt, heute müsse man pendeln. In dem Maße, wie die dörflichen Strukturen sich auflösen, gewinne der historische Kern des Ortes, die Kirche, vielfach an Bedeutung. Als Ort des Gemeinsinns.

Merkels Vater werkelt mit

Häufig sei aber die Verbindung zu dem, was Kirche sei, bereits völlig abgerissen, erzählt Janowski. "Jüngst wurde ich von einem Jugendlichen gefragt, ob diese seltsame Schüssel immer in der Kirche herumstehe", sagt Janowski. Gemeint war das Taufbecken, das zum Inventar einer jeden Kirche gehört. Doch Janowski weiß: "Der Erhalt von Kirchen ist kein Selbstzweck." Da müsse Leben rein.

Dieses Leben findet selbst in Ruinen statt, wie etwa Hohenjesar am Rande des Oderbruchs zeigt. Der Backsteinbau von 1723 war gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört worden. Seit 2004 gibt es einen Förderverein. 28 Mitglieder, Christen und Atheisten im Alter zwischen 37 und 95 Jahren, haben seither 130 000 Euro gesammelt, um die Kirche wieder aufzubauen. Die Wände wurden stabilisiert, ein Dach aus Zinkblech installiert. Im Turm wurde ein Raum eingerichtet für die Vereine des Ortes.

Anderswo wirkt es fast so, als kehre längst Vergangenes wieder. Im kleinen Ort Lübnitz bei Belzig hat ein Nachfahre des vormaligen Gutsherren der dortigen Kirche Orgel und Turm gespendet. Jetzt finden wieder Gottesdienste statt.

Selbst Kanzlerin Angela Merkel weiß um die Mühe, die es macht, alte Kirchen zu erhalten. Ihren Vater, Pastor Horst Kasner, findet man oft im Wald nördlich von Templin. Dort im Ort Alt Placht hat Kasner mit ein paar Leuten das "Kirchlein im Grünen" saniert. Zu DDR-Zeiten hatte allein das fehlende Geld den verfallenen Sakralbau vor dem Abriss bewahrt. Heute ist die kleine Fachwerk-Kirche saniert und wieder wie einst mit Reet gedeckt. Fünfhundert Jahre alte Linden umgeben die Kirche, Konzerte und Lesungen finden dort statt. Und manchmal auch ein Gottesdienst. So wie am Ostersonntag. Zum Sonnenaufgang, gegen 6.30 Uhr, wird Pastor Kasner eine österliche Predigt halten.

Die Dorfkirche im uckermärkischen Ringenwalde wird im Juni durch Politiker bekannt: Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck heiratet dort seine Frau auch kirchlich. Er ist seit vier Jahren wieder Kirchenmitglied.

Berliner Zeitung vom 20. März 2008

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