VEREINE: Verschollene Stadtchronik wiederentdeckt

Erfolgreiche Recherche des jüngst gegründeten "Fördervereins Kirchturmspitze Putlitz" im Geheimen Staatsarchiv Berlin

PUTLITZ - Kaffee aus einer Porzellantasse mit einer alten Putlitzer Ansicht darauf belebt nicht nur des Menschen Körper und Geist. Er belebt vielmehr den Kirchenkörper des Putlitzer Gotteshauses und den Gemeinschaftsgeist einer Stadt, die ihr Erkennungszeichen wiederbekommen soll – die Kirchturmspitze. Denn je mehr aus solchen Motivtassen getrunken wird, desto mehr Geld kommt dem Vorhaben zugute. "Der Erlös dieser Tassen wird uns helfen", sagt Ingrid Klaß. Ihre Idee stellte sie auf der jüngsten Versammlung des erst vor kurzem gegründeten "Fördervereins Kirchturmspitze Putlitz" vor.

Bei der Suche nach alten Ansichten, wie diese nicht nur die Tassen zieren, sondern vielleicht auch Mousepads und Postkarten, machte Ingrid Klaß eine sensationelle Entdeckung: Im Historischen Ortslexikon Brandenburg fand sie eine Quellenangabe zu einer Putlitzer Chronik samt ihrem Standort – das Geheime Staatsarchiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem. Vor Ort wurde ihr ein mehr als 500 Seiten dickes Buch aus dem Magazin gebracht. Noch weiß niemand, wie die Chronik dorthin kam, welcher Putlitzer sie zuletzt in seinen Händen hielt.

"Unglaublich, wir haben immer danach gesucht", reagiert die Putlitzer Geschichtsschreiberin Christel Köhler erfreut, als sie davon hört. Wie die 82-Jährige sagt, handele es sich um eine Chronik, die seit den 1920er Jahren minutiös geführt wurde von einem Lehrer Namens Erich Wiese. Dessen Sohn führte sie weiter. Allerdings sei nach dessen Tod im Jahre 1961 die Witwe mit der Chronik im Gepäck in den Westen des fortan geteilten Landes durchgebrannt. "Das Buch ist überwiegend in erzählerischer Form verfasst, enthält kaum Quellen", erinnert sich Christel Köhler.

Ingrid Klaß will nun versuchen, die Chronik wenigstens als Kopie nach Putlitz zurückzuholen. Bis dahin werde sie sich mit Ablichtungen konkret von der Kirche zufrieden geben, die sie für ihren Förderverein brauche.

Neben Werbeartikeln mit Kirchturmmotiv hat sich der Verein bereits einige Aktionen ausgedacht. Schließlich werden insgesamt rund 140 000 Euro für die Spitze benötigt, die in den 1980er Jahren wegen Baufälligkeit abgetragen wurde. Mit dem Mindestmitgliedsbeitrag von jährlich 24 Euro oder Spendenaufrufen allein sei das kaum realistisch. Deshalb sollen kulturelle Veranstaltungen forciert werden.

Begonnen wird mit einem Präsentationsstand anlässlich des Jubiläums "25 Jahre Wall 10" am Sonnabend, 3. Mai. Ein Höhepunkt wird am Sonnabend, 14. Juni, die Verleihung des Putlitzer-Preises 2008 sein, der dieses Mal in der Nikolai-Kirche stattfindet. Vor der Preisverleihung, die ab 19.30 Uhr vorgesehen ist, findet in Putlitz zudem die Burgfräuleinwahl statt. Der Tag werde eine Riesenchance sein, um Aufmerksamkeit für die Kirchturmspitze zu erregen. Der Förderverein werde sich in der Kirche um die Verpflegung kümmern. Wofür der Erlös verwendet werden soll, ist klar.

Anschließend will der Förderverein am 29. Juni auch beim Kreiskirchentag in Heiligengrabe mit einer Präsentation Interesse auf sich lenken. "Die Spitze ist aber nicht nur eine Angelegenheit der Kirche, sondern eine der gesamten Stadt", sagt Ingrid Klaß: "Der Turm ist neben dem der Burg das Erkennungszeichen der Stadt." Auch Bürgermeister Bernd Dannemann ist kein evangelisches Kirchenmitglied und dennoch im Förderverein tätig. Auf die mit dem Turmmotiv bedruckten Tassen freue er sich, weil sie "das beste Gastgeschenk" seien, das er sich derzeit vorstellen könne: "Die Idee hätte meine sein müssen", scherzt er.

Wie der Vereinsvorsitzende Klaus Pirow sagt, sind im Verein auch "stille Mitglieder" willkommen. Es sei nicht – wie in anderen Vereinen üblich – mit ständiger Anwesenheit zu glänzen. Es gehe schlicht um jeden Beitrag.

Um an Geld zu gelangen, habe man sich bereits um Städtebauförderung bemüht. Doch auf diese Weise etwas zu erreichen, ist schwer, buhlen derzeit doch mehrere Kirchensanierungsvorhaben im Landkreis Prignitz gleichzeitig um die kleinen Töpfe.

"Wenn es uns nur gelingt, mit der Aktion ein Bündnis für Putlitz zu schmieden, haben wir schon viel erreicht", sagt Ingrid Klaß. Eine Stadt in einer Region, aus der schon viele Menschen abgewandert sind, brauche solche Identität stiftenden Vorhaben. Auch eine wiederentdeckte Chronik kann dazu beitragen.

Kontakt für Interessierte über die E–Mail kirchturm-putlitz@t-online.de oder per Telefon bei Pfarrer Volkhart Spitzner unter 033981/8 05 45.

Unter www.putlitzer-kirchturm.blogspot.com entsteht demnächst eine Informationsplattform. Erreichbar ist der Verein auch über www.putlitz.org (Von Matthias Anke)

Märkische Allgemeine vom 26. April 2008

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