Der Ausverkauf der Gotteshäuser

Immer öfter müssen die Gemeinden ihre Kirchen verkaufen oder abreißen, weil ihnen das Geld für deren Erhalt fehlt. Dabei haben die Amtskirchen den Notstand selbst verursacht.

Von Dankwart Guratzsch

Der Altar ist abgeräumt, das ewige Licht aus der Wand gerissen. Doch die Wunde im Mauerwerk schreibt die Kreuzesform auch jetzt noch wie ein nicht verlöschendes Zeichen über den Tisch des Herrn - so als sei das Sinnbild dem Bauwerk eingebrannt. Christkönig in Kaiserslautern, die Backsteinkirche im Villenviertel auf dem Lämmchesberg, ist ausgeweidet bis auf die roten Außenmauern und die haushohen Kirchenfenster, in denen sich hundertfach das Christ-König-Motiv, die Krone, wiederholt. Im Herbst 2007 wurde die Kirche profaniert, vor einem halben Jahr verkauft - bald rücken die Betonmischer an, um den Baukörper für "neue Nutzungen" umzugestalten.

Peter Wolfgang Jäger, Anwohner aus dem Haus gegenüber, will seine tiefe Enttäuschung nicht hinunterwürgen: "Eine Pfarrkirche kann aus Sicht der Gläubigen keine beliebige Immobilie sein: Sie war jahrzehntelanger Mittelpunkt einer Kirchengemeinde und wurde unter größten Opfern der Gläubigen gebaut." Er verlangt "Rücksichtnahme und Sensibilität" und vor allem die Einbeziehung der Gemeinde bei der Entscheidung über die Zukunft von Gotteshäusern. Genau daran habe es der Bischof von Speyer fehlen lassen. Vom Kirchenraum bleibe "nichts außer der Kubusform unter Erhalt der beiden Giebelseiten als ferne Reminiszenz an die ehemalige Kirche".

Wo unlängst noch die Messe gefeiert wurde, werden zwölf "hochwertige Luxuseigentumswohnungen" eingebaut. In der Gemeinde hat das Empörung ausgelöst. Mehrere Familien drohen mit Kirchenaustritt. Der untersetzte Mann mit der großen Brille kann das nachvollziehen: "In einer Zeit, in der die Schere zwischen Reichen und Armen immer stärker auseinanderklafft, wäre die Berücksichtigung des karitativen Aspektes bei der Umfunktionierung des Gebäudes sehr viel angebrachter gewesen", erklärt der Mann. Unverständnis löst nach seinen Worten auch der Umgang mit den Kunstwerken aus. So würden die Kirchenfenster von Anton Wendling (1891-1965) einfach auf den Müll geworfen. Jäger erinnert das an die "rücksichtslose Zerstörung von Kirchen in historischen Umbruchzeiten", die heute mit Recht als "erschreckendes Spiegelbild der geistigen Haltung einer Gesellschaft im Umgang mit Religion und Kultur" betrachtet werde. Aber alle Proteste der Gemeinde seien ignoriert worden.

Nicht nur in Kaiserslautern, sondern überall in Deutschland trägt der Umgang der Kirchenleitungen mit geweihten Gotteshäusern eine Unruhe in die Gemeinden, die an den Grundfesten der Kirchenorganisation rüttelt. Im Ruhrgebiet, wo der katholische Bischof 96 Kirchen "entwidmet", treten Bürgerinitiativen an, die Kirchen gegen die Kirche zu verteidigen. In den östlichen Bundesländern, in denen noch immer die atheistische Staatsdoktrin der SED nachwirkt, vereinen sich Christen und Nichtchristen in Aktionsgemeinschaften zur Rettung der verfallsbedrohten, von der evangelischen Kirche oft schon aufgegebenen Dorfkirchen und organisieren auf eigene Faust Weihnachtsfeiern, Gottesdienste, Konzerte und Ausstellungen.

Für manchen Kirchenoberen haftet diesen "Bürgerinitiativen" etwas Unheimliches, das Selbstverständnis der Kirche Verletzendes an, stehen doch Ausmaß und Breitenwirkung der Proteste in krassem Gegensatz zur Schrumpfung der Gemeinden, zum Leerstand von Kirchen und zum Rückgang der Kirchensteuereinnahmen, die vielerorts die Unterhaltung kirchlicher Gebäude zu einer kaum lösbaren administrativen Aufgabe machen. Während eine neue Glaubensbewegung, die sich auf Kirchentagen und bei Festveranstaltungen artikuliert, immer breiteren Zulauf findet und auch Kirchenferne an sich zu binden vermag, gehen die Kirchenbesuche weiter zurück.

Ausdruck der Konfusion, die diese widersprüchliche Entwicklung auslöst, ist die nicht mehr abreißende Serie von Fachkonferenzen, auf denen Theologen und Architekten die Zukunft der Kirchengebäude "in Zeiten religiösen und gesellschaftlichen Wandels" auszuloten versuchen. Oft geht der Anstoß dazu von Architekten aus, die bei einer sich verschlechternden Beschäftigungslage in Zeiten des Bevölkerungsrückgangs nach neuen Aufgaben suchen. Das galt auch für die Tagung, die - nur einen Steinwurf von Christkönig entfernt - in diesen Tagen in der evangelischen Pauluskirche stattfand. Als Losung hatte die einladende Architektenkammer Rheinland-Pfalz den Aufruf zu "mehr Wandel" ausgegeben. Um auch noch amerikanische Erfahrungen einzubeziehen, waren neben Vertretern beider Konfessionen auch die "Atlantische Akademie" sowie ein Architekturbüro aus Darmstadt hinzugeladen, das die St.-Peter-Kirche in Frankfurt am Main zu einem Zentrum der Jugendkultur umgebaut hat.

Aber kann das Problem des Kirchenleerstands in Deutschland tatsächlich durch "Kirchenumbau und Kirchenumnutzung" - so der Untertitel der Kaiserslauterer Veranstaltung - gelöst werden? Darüber wird in der evangelischen Kirche schon seit den Zeiten vor dem Mauerfall gestritten, ohne dass die Diskussion über die Positionen des denkwürdigen "Ersten Berliner Gesprächs" am 16./17. November 1987 im Haus der Kirche in Wilmersdorf auch nur einen Zentimeter hinausgekommen wäre. Im Gegenteil: Spätere Debatten bis zu der jüngsten in Kaiserslautern blieben gegenüber den damals erreichten Grundsatzpositionen sogar oft meilenweit zurück.

Mehr Wandel? Die Bürgerinitiativen für die Rettung bedrohter Kirchen setzen sich offensichtlich für etwas anderes ein. Gläubige und Kirchenleitungen scheinen aneinander vorbeizureden. In Kaiserslautern wurde der einzige authentische Zeuge, der Katholik und Nachbar Jäger, zwar freundlich angehört, aber kein Kongressteilnehmer verspürte ein Interesse, die nur 100 Meter entfernte Abrisskirche Christkönig vor dem Umbau zum Appartementhaus noch einmal zu betreten. Den Fürsprechern des "Wandels" geht es nicht um bestehende Kirchen - sie wollen eine neue, veränderte Kirche. Bürgerinitiativen zur Rettung gefährdeter Kirchen sind ihnen suspekt.

Beklemmend deutlich ist das erst kürzlich beim "Evangelischen Hochschuldialog" der Evangelischen Akademikerschaft in Deutschland (EAID) in Weimar geworden, wo schwärmerisch die "erweiterte Nutzung von Kirchen" angepriesen wurde. Wieder waren es neben Architekten und Denkmalpflegern vor allem Theologen wie der Berliner Kirchenoberbaurat Matthias Hoffmann-Tauschwitz, die in "Nutzungen" jenseits des gottesdienstlichen Gebrauchs ein "Modell mit Zukunft" sehen wollten. Man hätte keinen besseren Kronzeugen für das Thema finden können, denn Hoffmann-Tauschwitz vertritt die "Nutzungserweiterung" seit jener "Ersten Berliner Tagung", deren Mitinitiator er selbst gewesen war.

Doch seit 1987 haben sich die Rahmenbedingungen für den "lebendigen Gebrauch von Kirchengebäuden" (Hoffmann-Tauschwitz) gravierend geändert. Während heute als Hauptargument die Bevölkerungsentwicklung und die Schrumpfung der Gemeinden herhalten müssen, wurde damals noch ganz offen ein "neues Kirchenverständnis" proklamiert, dem auch in neuen Bauauffassungen Ausdruck gegeben werden müsse. Die Berliner Gründerzeitkirchen wurden als unheiliges Relikt einer Ehe von Thron und Altar, ihre Kuppeln als "Pickelhauben" und Ausdruck einer "fremden Gesellschafts- und Sozialpolitik" verspottet.

Diese Rückerinnerung ist wichtig, weil sie ein Schlaglicht auf tiefer liegende Motive der Kirchenumnutzungsdebatte wirft. Zwar steht außer Frage, dass Bevölkerung und Gemeinden schrumpfen und dass Kirchen mit Hunderten Plätzen die größte Zeit des Jahres hindurch "leerstehen". Aber war das nicht immer so? Kirchen sind keine Kinosäle, die pleitegehen, wenn die Bänke nicht voll besetzt sind. "Aus einer Gemeinde mit 40 000 Seelen wurde 1848 berichtet, dass nur 20 Personen (0,05 Prozent) den Sonntagsgottesdienst besuchten", referierte Rainer Volp schon auf der Berliner Tagung vor 21 Jahren historische Chroniken. Das ist ein schlechterer Durchschnitt als heute.

Und muss es nicht nachdenklich stimmen, wenn ausgerechnet das Ruhrbistum Essen, das mit 3600 Katholiken pro Kirchengebäude die mit Abstand höchste Mitgliederdichte unter allen deutschen Bistümern aufweist (Paderborn folgt weit abgeschlagen mit 2080), zugleich die weitaus höchste Zahl an Kirchen zur "Entwidmung" freigibt? Offenbar ist es nicht der Leerstand, sondern die Faszination des "Wandels", der bei der Schließung von Kirchen Pate steht.

Im Rausch der Veränderungsmanie spielt die Gefühlslage der Gläubigen offenbar keine Rolle. Die Fördervereine für alte Kirchen, die Widerstandsveranstaltungen gegen Kirchenschließungen, die großen "Events" unter freiem Himmel und die Wallfahrten nach Rom scheinen bei der Absicht nur zu stören, der "neuen" Kirche auch mit neuen Nutzungsideen inhaltlich und baulich Gestalt zu geben. Berlins Landeskonservator Jörg Haspel kritisierte in Weimar den "Alarmismus" der Kirchenleute. Er glaube nicht, dass es "zu viele Kirchen" gebe, gerade das Beispiel Berlin zeige: "Abriss schafft keine neuen Gläubigen."

Verräterisch für den Furor der Veränderung, der die Amtskirchen leitet, ist die strikte Weigerung, den größten, glanzvollsten und weltweit "erfolgreichsten" Kirchenneubau der letzten 60 Jahre, den Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden, in die Betrachtung einzubeziehen. Hier ist, gegen den anfänglich erbitterten Widerstand gerade der sächsischen Landeskirche, die "keinerlei Bedarf" erkennen wollte und in dem Kirchenprojekt eine "Antipredigt zur Nachfolge Jesu und zur abendländischen Kultur" sah, in der zerstörten Mitte einer Halbmillionenstadt eine Kirche gegen den Geist der Veränderung errichtet worden, die in mitreißender Sprache eines symbolisiert: Das Evangelium steht außerhalb der Fortschrittshysterie - es ist an jedem Ort und zu allen Zeiten "neu". In zweieinhalb Jahren hat dieses angeblich überflüssige Monument fünfeinhalb Millionen Besucher angezogen - aber auf keiner der "Umnutzungskonferenzen" der Amtskirchen und der Architekten hat auch nur ein einziger Teilnehmer versucht, daraus Schlüsse für den Umgang mit vermeintlich "unternutzten" Kirchengebäuden zu ziehen.

Stattdessen wird allenthalben melodramatisch die Melodie vom Kirchensterben angestimmt. Wie lange noch? Auch in den Kirchen scheinen inzwischen die Zweifel zu wachsen, ob die Lage in den Gemeinden tatsächlich so besorgniserregend ist, dass Kirchen verkauft oder abgerissen werden müssen. Oberkirchenrat Thomas Begrich, Finanzdezernent der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), demonstriert es anhand nüchterner Zahlen: An einem normalen Sonntag besuchen eine Million Protestanten in Deutschland den Gottesdienst - vier Prozent der Gemeindemitglieder: Das ist ein 80-mal so hoher Anteil wie in der Kirche des Berliner Chronisten von 1848! Von insgesamt 21 000 evangelischen Kirchen seien bis heute nur 33 umgewidmet, 43 einer "erweiterten Nutzung" zugeführt, nur 113 ungenutzt, davon nur noch 64 wegen tatsächlicher Baufälligkeit. Das ergibt ein völlig anderes Bild eines angeblichen Notstands, der womöglich weniger als Notstand eines Gebäudebestands, denn als geistig-geistlicher Notstand eines Berufstands zu deuten ist, der sich mit seinem Kernauftrag, der Verkündigung, schwertut.

Dafür gibt es noch ein ganz anderes Indiz, das zugleich auch eine andere, bisher kaum thematisierte Ursache der kirchlichen "Immobilien-Problematik" enthüllt: 70 Prozent der Baulichkeiten im Besitz der evangelischen Kirche sind keine Gotteshäuser. Der gewaltige Bautenbestand ist ein Erbe von 1968, als junge Theologen aufbrachen, die Kirche zu "reformieren". Einige von ihnen, wie der ehemalige Hamburger Pastor Paul Schulz, sind inzwischen bei den Atheisten gelandet und treten in Talkshows auf. Zu der neuen Kirche, die sie damals propagierten, gehörte eine uferlose Ausweitung des "weltlichen Auftrages" - eine Zielsetzung, die zu einer Bauwut ungekannten Ausmaßes verleitete, deren nach 40 Jahren reparaturbedürftige Produkte eine schwere Finanzbelastung der Gemeinden darstellen.

Damals wurde, zumindest in den evangelischen Landeskirchen, der Grund zu den Problemen von heute gelegt - und es war in so mancher Gemeinde sogar erklärte Absicht, das überkommene Kirchengebäude durch "weltliche" Neubauten überflüssig zu machen. Dieselbe Tendenz begann den in Architekturzeitschriften hymnisch gefeierten neuen Kirchenbau zu prägen. Neubaukirchen sollten möglichst wenig wie "Kirche" aussehen. Es entstanden eitle Experimentalkonstrukte, die keinen Hauch von "Spiritualität" mehr zu vermitteln vermögen.

In derselben Weise veränderte sich das Gemeindeleben. Aus dem Abendmahl wurde ein "Frühstücksgottesdienst" im Gemeindezentrum, während umgekehrt die Asylantenberatung, die Frauen- und die Kindergruppe, die Kaffeeküche und die Toiletten in die Kirche umzogen. Dass dabei der Altar immer lästiger wurde, dass man ihn auf Rollen stellte, um ihn kurzerhand an den Rand schieben zu können - all das waren und sind Ausdrucksformen jener "neuen Kirche", die man etablieren wollte, die aber an den Gemeinden oft völlig vorbeiging und denen die neue Glaubensbewegung nichts mehr abgewinnen kann.

Kirchliches Leben hat nichts mit Protz und Prunk zu tun, auch wenn die Kirche keinen Anlass hat, sich in Sack und Asche zu kleiden. Aber das kirchliche Gebäude, so hat es Preußens großer Baumeister Karl Friedrich Schinkel einmal ausgedrückt, soll Gott darstellen. Und seinen Standeskollegen empfahl er, sich dieser Bauaufgabe in "Resignation" (d.i. Demut) zu widmen.

Christkönig in Kaiserslautern, ein Werk von Hans-Joachim Klostermann, ist ein schlichtes Haus aus solchem Geist und wurde 1959, ein Jahrzehnt vor den "68ern", geweiht. Ausgeräumt, wirkt die Kirche wie ein Zelt. Es ist das Bild, das dem Motto des jüngst vergangenen Katholikentages von Osnabrück eingeschrieben ist: "Du führst mich hinaus ins Weite." Denn was das verkürzte Wort nicht aussagt, ist in dem zitierten Psalm in direkten Bezug zum "Zelt" gesetzt. Die Weite ist nach dem Urtext die Freiheit unter dem Himmelszelt. So war es gemeint und kehrt es wieder in unzähligen Kirchengebäuden der Welt: von den Adern der Kreuzrippengewölbe überrankt und in die Höhe gehoben oder von Kuppeln, die den Himmel und das himmlische Jerusalem abbilden, den in den Kirchenbänken Kauernden wie eine Offenbarung zur Anschauung gebracht. In jenen Zeiten, in denen man noch wusste, was Kirchenbau bedeutet, hat man es anschaulich die "Predigt der Steine" genannt.

Dieses "Reden mit Zungen" ist nicht nur in Christkönig zu Kaiserslautern gewaltsam zum Verstummen gebracht. Es ist auch im neuen Kirchenbau, in den Bildwerken der Kirche, den Kirchenfenstern und den Predigten oftmals kaum noch vernehmbar, umso öfter hingegen von sinnentleertem Gekreisch überdröhnt. Wenn es nicht gelingt, die Sprache dieser "Zungen" neu verstehen zu lernen, ist das Ringen um die Kirchengebäude umsonst.

Die Welt vom 26. Juni 2008

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