Acht Künstler in acht Kirchen

Von Silke Müller

 

Neuhardenberg (MOZ) In diesem Sommer wird es zum zweiten Mal eine Brandenburgische Kirchen-Kunst-Route geben. Nach der Uckermark ist diesmal das Oderbruch der Ort des Geschehens. Acht Kirchen wurden im Auftrag des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg ausgewählt, um einen Sommer lang als Galerieraum für jeweils einen Künstler zu fungieren.

"Es gab eine Zeit, da galt die Kirche als ,Mutter aller Künste'. Doch spätestens mit der Epoche der Aufklärung haben sich die Kinder selbstständig gemacht und ihre dienende Funktion aufgegeben", sagt Petermichael Metzler, der künstlerische und organisatorische Leiter des Projektes "Brandenburgische Kirchen-Kunst-Route". Und auch die Kirche habe zum Teil noch immer Schwierigkeiten, sich auf das Wagnis einzulassen, moderne Kunst in die historischen Räume zu integrieren.

Gelungen ist es dennoch. Acht offene Kirchen im Oderbruch hat Petermichael Metzler gefunden, die sich einen Sommer lang darauf einlassen, als Ausstellungsort für jeweils einen Künstler zu fungieren: In Altfriedland, Bliesdorf, Gusow, Kienitz, Neuhardenberg, Neutrebbin, Ortwig und Sietzing werden Kunst und Kirchenräume dabei aufeinander einwirken. Einerseits werde durch die Kunst die Kirche nicht zum Museum, sagt Metzler. Andererseits stehen die Werke in einer Kirche nicht für sich, wie es in einer typischen Galerie der Fall wäre. Aus Metzlers Sicht macht das einen Teil des besonderen Reizes dieser Kirchen-Kunst-Route aus. "Die Werke setzen sich mit der spezifischen Atmosphäre jener Räume auseinander, die in erster Linie Ort des Gottesdienstes einer christlichen Gemeinde sind", so Metzler. Der institutionell gebundene Geist werden auf den "frei schwebenden" Geist der Künstler treffen. Die Erwartungshaltung werde durchbrochen, auf zeitgenössische Kunst vor allem in Museen oder Galerien zu treffen, während in Kirchen typischerweise jene dienenden Bildwerke der Vergangenheit auf die Besucher wirken. "Vielleicht werden einige der Objekte auf den ersten Blick sogar als störend empfunden. Sie beschädigen die gewohnte Harmonie. Aber sie zwingen uns auch, genauer hinzuschauen, den scheinbar vertrauten Ort neu wahrzunehmen."

Die ausgewählten Künstler lassen einiges Erwarten: Günther Uecker zum Beispiel wird seine Arbeiten in der Gusower Kirche zeigen. Der Maler und Objektbildkünstler, der heute im Mecklenburgischen Wendorf lebt, gilt als Künstler von internationalem Rang. Bekannt wurde er vor allem mit seinen reliefartigen Nagelbildern, die ihren Weg bis zur Biennale in Venedig fanden. Für seine künstlerische Leistung erhielt der heutige Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie u.a. 1985 das Bundesverdienstkreuz I. Klasse, 15 Jahre später zudem den angesehenen "Pour le Mérite" für Wissenschaft und Künste.

Klaus Hack, dessen Arbeiten in Bliesdorf zu sehen sein werden, studierte in Nürnberg und Berlin. Die Werke des heute 42-Jährigen wurden mit zahlreichen Preisen, u.a. dem Brandenburger Kunst-Förderpreis, ausgezeichnet.

Inge Mahns Arbeiten werden in der Neutrebbiner Kirche zu sehen sein. Die Meisterschülerin bei Joseph Boys, die heute als Professorin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee lehrt, ist vielseitig. Sie beschäftigte sich mit raumplastischen Installationen, Skulpturen aus Holz und Gips, aber auch Zeichnungen und Texten.

Matthäus Thoma, der einen Lehrauftrag an der Fachhochschule Oldenburg hat, wird seine Skulpturen und Objekte in Ortwig zeigen. Der 1972 geborene Künstler Jan Bünnig wird seine Arbeiten in Kienitz ausstellen. Er lebt und studiert in Berlin. Dort lebt auch Rainer Görß, dessen bildplastische Arbeiten in Sietzing zu entdecken sein werden. In Neuhardenberg, einer Kirche, die aufgrund ihres parallelen Veranstaltungsbetriebes nicht ständig geöffnet und damit nicht ständig eine Ausstellung präsentieren kann, wird Petermichael Metzler als Initiator der Kirchen-Kunst-Route ausstellen.

Neuhardenberg soll zugleich der Mittel- oder Ausgangspunkt der Kirchen-Kunst-Route 2008 sein. Von hier aus sollen geführte Radtouren zu den Orten der Kunst-Kirchen führen. "Die ausgewählten Kirchen liegen nicht zufällig relativ dicht beieinander", sagt Petermichael Metzler. Interessierten Besuchern und Stadtflüchtigen soll es möglich sein, sie hintereinander zum Beispiel per Rad aufzusuchen und neben neuer und alter Kunst, die Landschaft des Oderbruchs zu entdecken. "Damit setzen wir zugleich der immer wieder aufflackernden Diskussion über die gezielte Entleerung kleiner Ortschaften etwas entgegen", so Metzler. Besucher würden auch in jene Orte gelenkt, die es betreffen könnte, um dort selbst zu sehen, wie viele Potenziale selbst der dünn besiedelte ländliche Raum hat. Ein durchaus beabsichtigter Nebeneffekt sei, das Interesse der Besucher auch auf alte Dorfkirchen zu lenken, um so bewusster zu machen, dass es sich lohnt, sich für den Erhalt dieser Jahrhunderte alten Denkmale einzusetzen.

Den Gedanken, den Blick auf drei wichtige Säulen der regionalen Entwicklung zu lenken - historische Kirchenbauten, zeitgenössische Kunst und sanften Tourismus - unterstützt auch der Landkreis. Landrat Gernot Schmidt hat die Schirmherrschaft für die Kirchen-Kunst-Route 2008 übernommen. Damit verbunden ist für Projektleiter Metzler das Betreuen der acht Kirchen-Ausstellungen durch Menschen aus der Region, die sich hier mit der touristischen Betreuung von Gästen auf ein künftig denkbares Betätigungsfeld vorbereiten können.

Eröffnung der Kunst-Kirchen-Route 2008 ist am Sonntag, 13. Juli, 14 Uhr in der Gusower Dorfkirche. Dort steht für Interessierte ein Bus bereit, der alle weiteren Ausstellungsorte im Anschluss anfährt. Die Fahrt ist kostenlos. Die Kirchen-Kunst-Route ist bis zum 14. September 2008, dem Tag des offenen Denkmals zu sehen.

Märkische Oderzeitung vom 08. Juli 2008

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