Ein Bildband stellt Sakralbauten auf dem Land und ihre ehrenamtlichen Fürsprecher vor

Schlüsselhüter bewahren Brandenburgs Kirchen

Was haben Brigitte Zypries und Gesine Schwan gemeinsam? Sie schwärmen für unbekannte kleine Kirchen im Brandenburgischen.

Der Bundesjustizministerin hat es die Schinkelkirche in Neuhardenberg (Märkisch-Oderland) besonders angetan deren Decke ist ein Himmel mit mehr als 6000 strahlenden Sternen. Die Bundespräsidentschafts-Kandidatin Schwan hingegen begeistert sich für die Dorfkirche von Dobberzin in der Uckermark. Nicht nur, weil sie einen schwebenden Tauf engel hat, sondern weil ihr Vater vor 90 Jahren in dem Gotteshaus konfirmiert wurde.

Taufengel 
Der Taufengel aus dem frühen 19. Jahrhundert kommt auch heute noch in der Kirche Walddrehna zum Einsatz. Im Hintergrund ist der erst im Jahr 2004 restaurierte farbig verzierte Bretteraltar zu sehen.
Foto: Seidel

In dem Bildband "Brandenburgische Dorfkirchen und ihre Hüter" erzählen die beiden SPD-Politikerinnen von ihrer persönlichen Beziehung zu ihrer Lieblingskirche. Ebenso wie 19 weitere prominente Autoren, die Herausgeberin Kara Huber für das Buch gewinnen konnte.

Die kleinen Gotteshäuser in Brandenburg haben die öffentlichkeitswirksame Fürsprache nötig: Rund 1500 Kirchen gibt es, zahlreiche seien akut im Bestand gefährdet, so Bernd Janowski, Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg. Im Gegensatz zu vielen anderen Regionen Deutschlands hat in Brandenburg selbst das kleinste Dorf eine Kirche, auch wenn es nur 50 oder 60 Seelen zählt.

Dabei sei das Kirchengebäude stets Ausdruck von Selbstbewusstsein und Identität, erläutert Kara Huber, die Schirmherrin zahlreicher Dorfkirchen ist. "Der Kirchturm ist für die Dorfbewohner nicht nur das höchste Bauwerk, sondern auch das Höchste, was es zu pflegen gilt", sagt die Frau von Bischof Wolfgang Huber.

Und genau das tun die Bran denburger mit außergewöhnlicher Leidenschaft: Vielerorts gründeten sie Fördervereine, welche die Sanierung der Kirchlein vorantreiben, um Sponsoren zu werben und bei Stiftungen Zuschüsse zu beantragen. Und das, obwohl im Schnitt nur 20 Prozent der Ortsansässigen konfessionell gebunden sind, wie Janowski berichtet.

Viele Kirchen waren in den letzten Kriegswochen zerstört worden. Dass sie in der DDR-Zeit notdürftig instand gesetzt und gerettet wurden, lag an der Eigeninitiative der Gemeinden und der Hilfe westlicher Partnergemeinden. Vielfach aus groben Feldsteinen gebaut, wirken die Dorfkirchen äußerlich oft robust und schlicht. Im Innern überraschen sie mit kunstvoll geschnitzten Kanzelaltaren oder prächtigen Orgeln.

Eine zentrale Rolle beim Erhalt der Kirchen spielen die Schlüsselhüter. Sie verwalten ehrenamtlich die Kirchenschlüssel und öffnen die Tore für Besucher. Dabei erzählen sie von der oft wechselhaften Geschichte des Gebäudes und erläutern dessen kulturellen Schätze.

Die Hüter wohnen meist in direkter Nachbarschaft; das verantwortungsvolle Amt übernehmen Gutsherren genauso wie Bauern und Hausfrauen. Häufig werden die Schlüssel von Generation zu Generation weitergereicht, so auch in Dobberzin (Uckermark): "Bereits mein Vater hat als Schlüsselhüter der Gemeinde gedient, und ich habe ihn 1960 abgelöst", so Schlüsselhüter Horst Eickenjäher.

Schon die starken Bilder, in denen die Fotokünstler Wolfgang Reiher und Leo Seidel die Bauten wie auch die Landschaft festhielten, machen Lust auf eine Reise in die Mark. Aber es sind die einfühlsamen Porträts der Schlüsselhüter und ihre Statements, die die Neugier vollends anstacheln. "Kirchen sind nur dann einladend, wenn sich Menschen für sie einsetzen. Geschieht das nicht, bleiben sie Gebäude ohne Leben", so Kara Huber.

Mehr zu Kirchen in Brandenburg unter www.lr-online.de/kirchen

Ulla Hanselmann

Lausitzer Rundschau vom 29. August 2008

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