Wer anklopfet, dem wird aufgetan

PUBLIKATION: Kara Huber erzählt in ihrem Buch von Menschen, die den Schlüssel zu "Kirchenschätzen" hüten

Von Ildiko Röd

Am Schauplatz 
Am Schauplatz: Kara Huber in der Groß Glienicker Kirche, der in dem Buch "Brandenburgische Dorfkirchen und ihre Hüter" ein Kapitel gewidmet ist.
Fotos: Christel Köster

Es ist ja so, dass Kirchen nicht nur aus Steinen, Holz und Zement bestehen. Sondern aus vielen Geschichten. Erst sie sind das wahre Bindemittel zwischen all dem schönen Holz und den Steinen.

Es sind Geschichten wie jene von einem kleinen Mädchen, das in eine schwere Zeit hineingeboren wurde. Ursprünglich stammte die Familie aus Pommern. Weihnachten 1944 war der Vater noch einmal von der Front zu einem Heimaturlaub gekommen, zur Frau und den drei Söhnen. Die Eltern wünschten sich noch ein viertes Kind. Sollte es ein Mädchen werden, wollten sie es "die Liebe" nennen. Cara. Einen Monat später fiel der Vater; die Familie machte sich auf den langen Treck Richtung Westen.

Das Mädchen wurde in einem kleinen Ort im Sachsen-Anhaltinischen geboren. Auf einem Gehöft, wo 20 Menschen auf engstem Raum lebten. Die Flüchtlinge galten gar nichts. Geborgenheit fanden sie nur in der Kirche, in der evangelischen Gemeinde. Das würde das Mädchen das ganze Leben nicht vergessen.

Eine weitere Geschichte ereignete sich einige Jahre später, als das Mädchen erwachsen geworden war und längst im Rheinland lebte. Bei einer Hochzeit sollte die angehende Lehrerin mit anderen Brautjungfern in eine Kirche einziehen, paarweise mit einem Brautführer. Als sie erfuhr, wen man ihr als Begleiter zugedacht hatte, hielt sich die Vorfreude in Grenzen: "Ein Theologiestudent aus Tübingen?" Sicher ein totaler Langweiler! Aber als sie den jungen Mann zum ersten Mal sah – "Da war es Liebe auf den ersten Blick", erzählt Kara Huber und lacht glücklich bei der Erinnerung. Kirche, das ist für die Frau von Bischof Wolfgang Huber ein Ort der Liebe. Nicht nur zwischen den Menschen – auch zum Bauwerk selbst. Und so hat sie in dem aufwändig gestalteten Bildband "Brandenburgische Dorfkirchen und ihre Hüter" die Liebeserklärungen prominenter Persönlichkeiten an die Gotteshäuser gesammelt. Richard von Weizsäcker über Langengrassau, Hartmut Dorgerloh über Paretz, Dietrich von Ribbeck über Groß Glienicke und viele mehr. Aber die wahren "Helden" des Buches sind andere. Leute wie Burkhard Radtke.

Ein Kirchenpatron mit großem Ego

  Groß Glienicker Kirche   Hans Georg III.
 
Burkhard Radtke
 
Abendmahl
Ganz unten: Das Altarbild zeigt Jesus beim Letzten Abendmahl. Hans Georg III. (im schwarzen Gewand) ließ sich vom Maler einen Ehrenplatz in der Runde geben. Oben: Außenansicht der Kirche; Burkhard Radtke vor der so genannten "Brautpforte"; das riesige Grabmal Hans Georgs III.

Eines Tages bekam der Groß Glienicker – pensionierter Mineralölkaufmann, aktives Kirchengemeindemitglied – mit der Post eine unscheinbare Karte. "Ich hielt das zunächst für Werbung und wollte es schon wegwerfen." Wäre sein Blick nicht doch im letzten Moment auf den etwas versteckten Absender gefallen: Kara Huber, die ihn für ihr Buchprojekt als einen der "Hüter" der Kirchen-Kleinode kontaktierte. Schließlich kommt ihnen eine echte "Schlüssel-Stellung" zu – im wahrsten Wortsinne. "Anders als in manchen Bundesländern, gibt es in Brandenburg keine Küster mehr", erklärt sie. "Damit die Kirchen auch außerhalb der Gottesdienste überhaupt offen gehalten werden können, sind wir auf die Hilfe ehrenamtlicher ,Schlüsselbewahrer’ angewiesen."

Aber die Herrschaften hüten nicht nur die oft kunstvoll geschmiedeten Türöffner. Erst durch ihre Augen betrachtet, werden Kirchen wie die Groß Glienicker lebendig.

Wer ist zum Beispiel jener Herr mit Barockgewand und Perücke, der da auf dem Altarbild des Letzten Abendmahls dargestellt wird – gleich neben Jesus Christus? "Das ist Hans Georg III. von Ribbeck, der 1680 die ursprünglich gotische Kirche ausbauen ließ", erzählt Burkhard Radtke über den Spross des osthavelländischen Familienzweigs – nicht zu verwechseln mit den Birnbaum-Ribbecks aus dem Westhavelland. Rittergutsbesitzer und Kirchenpatron Hans Georg III., der bereits als Elfjähriger an der Universität studierte und später hohe Ämter bekleidete, verfügte anscheinend über ein gesundes Selbstbewusstsein. Sein Grabmal an der Kirchenwand zeigt ihn jedenfalls in übermenschlicher Größe – mehrere Meter misst sein Prunk-Konterfei.

Beharrliche "Betbrüder"

Als kleines Kind, erzählt Radtke, habe er sich ein wenig vor dem riesenhaften Bildnis geängstigt. Aber bald wurde die Kirche für den Jungen zum seelischen Zufluchtsort. 1945, als die Russen Groß Glienicke erreichten, musste er Dinge mitansehen, über die er auch heute noch lieber schweigt. "All dieses Schlimme konnten wir nur hier loswerden."

Zu DDR-Zeiten focht es ihn nicht an, dass ihn die Arbeitskollegen hänselten: "Warst du am Sonntag wieder bei deinen Betbrüdern?" Und in den Jahren seit der Wende hat er zusammen mit anderen Gemeindemitgliedern alles getan, um den maroden Bau sanieren lassen zu können. Als Heimstatt für die Geschichten vom Glauben.

Märkische Allgemeine vom 30. August 2008

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