Dach mit geöffneten Flügeln

Von Ellen Werner

Dach mit geöffneten Flügeln 

Eberswalde(MOZ) Lange wusste keiner so richtig, was die merkwürdige Gaube auf dem Balkon zu bedeuten hatte. Jahrzehntelang verwitterte sie auf der Hofseite des alten Hüttenamtes in Finow. Nur ein paar Meter entfernt davon hat das kleine Bauwerk seit gestern ein schützendes Dach über den geöffneten Dachflügeln. "Mit Sicherheit wurde so manche Flasche Rotwein darin geleert", sagt Arnold Kuchenbecker. Dem Vorsitzenden des Fördervereins für den Finower Wasserturm und sein Umfeld war schon länger klar, dass es sich bei dem Balkonaufsatz um eine Laubhütte handelte, in der einst jüdische Bewohner einmal im Jahr das Laubhüttenfest feierten. Aber auch er war überrascht, als er sie betrat. "Ich sah genau in den Davidstern mit dem Auge Gottes." Kuchenbecker bewegten die über die wechselvollen Jahrzehnte erhalten gebliebenen Symbole jüdischen Lebens. Er begann zu recherchieren, wollte wissen, wer hier gelebt hat.

Bis 1933 bewohnte eine jüdische Familie die Wohnung mit dem Balkon. Danach bis zum Kriegsende ein Oberingenieur mit seiner Familie. Den Sohn machte Kuchenbecker in den USA ausfindig. "Meine Eltern haben nie darüber gesprochen", hat er Kuchenbecker gesagt. Auch eine Familie, die die folgenden 50 Jahre hier lebte, hat die Laubhütte erhalten.

Spuren jüdischen Lebens gibt es noch einige in Messingwerk: das Mosaik und die Bleiverglasung im Torbogenhaus, der Fries an der Hirsch-Villa. Im Hüttenamt befand sich die Synagoge. 1863 gründeten Joseph und Gustav Hirsch das Messingwerk im heutigen Finow. Später entstand das Dorf Messingwerk, in dem viele orthodoxe Juden lebten.

Das jüdische Sukkot-Fest, vom Ursprung her ein Erntedankfest, feiern jüdische Gemeinden im Herbst - abgeleitet vom hebräischen Begriff "Sukka", Laubhütte. Die einfachen, zweigbedeckten Hütten werden kurz vorm Fest errichtet. An sieben Tagen verbringen Juden möglichst viel Zeit darin - zur Erinnerung an die 40-jährige Wanderung ihres Volkes durch die Wüste Sinai.

Aus Fichtenzweigen wurden jahrhundertelang auch die Sukkas in der Region gebaut. Die massive Hütte auf dem Balkon entstand vermutlich 1916, als die Familie Hirsch ihr anliegendes Wohnhaus umbauen ließ.

Die 3000 Euro für ihre Wiederherstellung kamen vom Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V. Zwei Jahre wurde die Laubhütte zwischengelagert, ehe sie im ehemaligen Konsum ihren Platz fand. Der Leuchter aus massivem Messing ist restauriert. Schindeln aus Schiefer wurden ersetzt, das Klappdach aus Blech durch das wiederaufgefundene Originaldach. "Das offene Dach ist das A und O", sagt Kuchenbecker. Himmel und Sonne sollten Zugang haben.

Ganz fertig ist die Hütte noch nicht. Arnold Kuchenbecker will noch die Gesimsmalereien im Innern der Sukka erneuern lassen. "Der Davidstern hat in den letzten zwei Jahren gelitten." Und in dem kleinen Raum um die Laubhütte herum soll eine Ausstellung entstehen.

Arnold Kuchenbecker führt auf Anfrage durch die Laubhütte: Tel 03334 34509, E-Mail:brigittekuchenbecker@gmx.de.

Märkische Oderzeitung vom 26. September 2008

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