Wo Kirche dransteht, muss auch Kirche drin sein

Von Dankwart Guratzsch

Was soll mit Gotteshäusern geschehen, die nicht mehr gebraucht werden? Die Protestanten suchen Antworten

Ein Wort macht in der evangelischen Kirche Furore und sorgt immer wieder für Irritationen: die "erweiterte Nutzung" von Kirchen. Auch vor dem jüngsten Evangelischen Kirchbautag in Dortmund machte es nicht halt. Unter dem Titel "Transformationen - Übergänge gestalten" wollten die Theologen bewusst den Blick auf den "Wandel" lenken. Seit anderthalb Jahrtausenden ist die christliche Kirche Leitreligion des Abendlandes, aber in dieser Rolle sieht sie sich verunsichert, weil ihr viele Mitglieder die Gefolgschaft aufkündigen. Deshalb werden die Kirchgebäude nun als "transitorische Orte" beschrieben, als "Räume, die sich wandeln und in denen Menschen sich wandeln".

Eine solche Sicht, so zeigte sich auf der dreitägigen Konferenz in einer Region, in der die Moscheen auf dem Vormarsch sind, gibt manchen Pfarrern offenbar einen letzten Halt. Man kann an den Kirchgebäuden festhalten, auch wenn sie nicht mehr als Kirche genutzt werden. Aber ist das nicht trügerisch? Oder, mit den Worten von Bernd Janowski, Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg: "Können wir damit leben, dass dort, wo Kirche dransteht, nicht mehr Kirche stattfindet?"

Dies ist die Grundsatzfrage, die sich in vielen Gemeinden stellt. In der Eliaskirche zu Dortmund-Dorstfeld wurde sie für die Teilnehmer des Kirchbautages zur schmerzlichen Gewissensprüfung, als eine Architektin zum Mikrophon griff und aus ihrer Begeisterung für die aus ihrer Sicht unausweichliche Metamorphose des Jugendstilbauwerks kein Hehl machte: "Wenn wir den Altar an den Rand schieben und eine Wand einziehen, bringen wir die dreißig sonntäglichen Gottesdienstbesucher bequem hinter einer Trennwand unter", sagte sie, "dann haben wir den großen Kirchenraum voll zur Verfügung. Ist er mit seinem gefalteten Dach nicht ein wunderbares Bierzelt? Wenn wir die Seitenschiffe abtrennen, erhalten wir zusätzlich einen stimmungsvollen Gewölbekeller. Auf den Emporen können wir VIP-Logen platzieren. Und draußen lässt sich ein herrlicher Biergarten anlegen. Nur die Kanzel mit dem Lutherbild, die müsste man wohl ausbauen."

Der Vorschlag, aus der 1904 geweihten roten Backsteinkirche des um den Kirchbau im Ruhrgebiet verdienten Architekten Arno Eugen Fritsche ein Gasthaus zu machen, steht seit einem Jahr im Raum. Damals wurde der freiberufliche Diplomtheologe Matthias Ludwig gebeten, sich "in das Projekt einzuklinken". Als sein größtes Verdienst wertet Eliaskirchenpfarrer Christian Höfener-Wolf heute die "Zukunftswerkstatt", in der Ideen "der Gemeinde" für den Umgang mit dem Gotteshaus eingeholt wurden. Doch kann eine solche Veranstaltung repräsentativ sein? Von 11 000 Gemeindemitgliedern kamen nur 40. Acht plädierten für die Umwandlung in einen Festsaal, sechs für eine kulturelle Nutzung, sechs für das "Gasthaus mit Glockenturm". Noch in diesem Jahr soll das Presbyterium entscheiden - aber wie?

Seit 2005 gehört Hauptpastor i.R. Helge Adolphsen, damals Vorsitzender des Arbeitsausschusses des Evangelischen Kirchbautages, heute Kirchbautagspräsident, zu den energischsten Gegnern einer "imageschädigenden Fremdnutzung" von Kirchen. "Missdeutbare Veranstaltungen fügen der Kirche schweren Schaden zu und erwecken den Eindruck, dass die Kirche sich selbst nicht ernst nimmt oder ihre Identität aufgibt", warnte er vor zwei Jahren. Anstatt Kirchen in "Discos, Autowerkstätten und Lagerhallen" zu verwandeln, solle man sie besser gleich ganz abreißen. Doch die Ratlosigkeit im Fall der Dorstfelder Eliaskirche zeigte, dass die Mahnung von vielen nicht verstanden wurde.

Viele Probleme sind hausgemacht. In den Sechzigerjahren wurde die Dorstfelder Gemeinde geteilt, in den Siebzigern kam die Idee auf, die Kirche in ein "Gemeindezentrum" zu verwandeln. Es war die trügerische Verlockung, aus Kirche etwas "Neues" zu machen, ein "Multifunktionszentrum", ein Forum für die Politisierung der Gesellschaft. Aus heutiger Sicht war es ein erster Vorgriff auf die "Kirche mit erweiterter Nutzung". Zwar entkam die Eliaskirche mit knapper Not dem Vorhaben, eine Zwischendecke einzuziehen, aber das Gemeindeleben verlagerte sich in das Gemeindezentrum nebenan, einen turmlosen Neubaukasten.

Mit dem Bau immer neuer Gemeindezentren ging eine tiefgreifende "Umwertung der Werte" in den Kirchgemeinden einher. Aus Gotteshäusern wurden kameralistisch verwaltete "Immobilien". Wie ein Menetekel konnte es da erscheinen, dass 1995 der Blitz in den Kirchturm einschlug, die brennende Haube ins Kirchenschiff stürzte und für die Instandsetzung des zeichenhaften Bauwerks Millionen ausgegeben werden mussten. Aber eine Signalwirkung für die Intensivierung der kirchlichen Arbeit ist davon nicht ausgegangen. Ist aber die Frage nach "erweiterten Nutzungen" und "anderen Formen" nicht falsch gestellt? Muss die Kirche nicht viel eher nach Vertiefung statt Erweiterung trachten, nach mehr Intensität, nach Wiederentdeckung und -erweckung der Spiritualität und Sakralität kirchlicher Räume? Die nur zu Weihnachten voll "ausgelastete" Eliaskirche besitzt für eine solche Vervollkommnung durchaus Potenzial. Das einst bis in den kleinsten Winkel ausgemalte Gotteshaus ist nach dem Krieg stilwidrig kalkweiß überpinselt worden. Bis heute wissen die Kirchenoberen nicht einmal, ob die alte phantasievolle künstlerische Ausmalung unter der Tünche erhalten geblieben ist.

Besser als es die am Ende des Kirchbautages verabschiedeten "Dortmunder Denkanstöße" zu formulieren vermochten, gelang es dem Stuttgarter Architekten Arno Lederer, mehr Nachdenklichkeit gegenüber der verführerischen Parole "Transformation" einzufordern: "Man sollte sie einfach stehen lassen, die Gotteshäuser. Allein schon für diejenigen, die wild in der Gegend herumfuchteln, wenn an der einen oder anderen Stelle eine Moschee gebaut wird. Denn in Wirklichkeit ist es nicht die bauliche Präsenz der Moschee, die Probleme macht. Wenn Kirchen aus dem Stadtbild verschwinden, verschwindet auch der Glaube."

Die Welt vom 31. Oktober 2008

Zur Artikelübersicht