Ende der Stille nach 90 Jahren

Von Oliver Schwers

Sieg über den Holzwurm 
Sieg über den Holzwurm: Orgelrestaurator Andreas Mähnert aus Eberswalde hat die hölzernen Pfeifen Stück für Stück in Handarbeit gerettet und fehlende Teile ergänzt.

Schmiedeberg Die Hälfte ihres 150 Jahre langen Lebens musste die Dinse-Orgel in der Dorfkirche von Schmiedeberg schweigen. Jetzt hat das Instrument seine echte Stimme zurückbekommen. Was fehlt, ist nur noch ein Organist, der sie dauerhaft traktiert.

Es hat 90 Jahre gedauert, bevor in Schmiedeberg die Schäden des Ersten Weltkrieges behoben waren. Denn 1917 verschwanden die großen Prospektpfeifen der damals noch gar nicht so alten Kirchenorgel unter dem Metallhunger der Rüstungsindustrie. Seitdem fehlt dem Instrument - ein Werk der Berliner Meister Lang und Dinse - die echte Stimme. Irgendein findiger Kopf hatte zwar die restlichen Holzpfeifen so intelligent zusammengesetzt, dass man auf dem Instrument notdürftig spielen konnte, doch war damit dann spätestens in den 60er Jahren Schluss.

Denn nach dem Kriegstribut verlor die Gemeinde fast noch den Kampf gegen einen neuen Feind - den Holzwurm. Der zerfraß den Rest der hölzernen Mechanik und Pfeifen. Was blieb, war ein schweigender Hohlkörper, den die Kirchgänger mit Wehmut betrachteten.

Am ersten Advent 2008 beendete der evangelische Kreiskantor Dieter Glös die ungewollte Stille. Er trat in die Pedale, zog die Register, blies Luft durch die Pfeifen und traktierte die Orgel nach allen Regeln seiner Meisterhand. "Wunderbar, filigran und leicht", so sein Urteil beim ersten Konzert nach der Komplettrestaurierung. "Ich bin sehr zufrieden."

Genau 366 Pfeifen spielen wieder. Bis in den späten Abend haben die Handwerker der Eberswalder Orgelbaufirma Sander und Mähnert in den vergangenen Wochen im Instrument gehockt. Nach Plänen bauähnlicher Dinse-Orgeln fertigten sie in bewährter Handarbeit das nach, was dem Schmiedeberger Original fehlte. Die ausdauernden Bauleute fanden herzliche Aufnahme und Übernachtung im Dorf. Das Mittagessen schleppten die Frauen des Ortes in die Kirche.

Fast alle Einwohner nahmen Anteil an der neuen Kirchenstimme. Vier Jahre lang sammelte der Gemeindekirchenrat Euro für Euro. Rentner Werner Konwert klapperte immer wieder mit dem Klingelbüdel. Am Ende waren es fast 26 000 Euro. Sparkasse Uckermark und Landeskirche gaben größere Beträge. "Es war anfangs wohl mehr Hoffnung als Wunsch", sagte Pfarrer Peter Börner bei seinem Rückblick auf die rastlose Sammelaktion. Doch der desolate Zustand schreckte die Schmiedeberger Orgelzuhörer nicht ab. Schließlich spendete auch die Aktion zur Rettung historischer Orgeln in Berlin-Brandenburg einen Anteil.

"Ich bin voller Dankbarkeit und Freude, dass das Vorhaben, das uns große Sorge gemacht hat, nun vollendet ist", so Irene Freifrau von Gall. Ihre Vorfahren - die Familie von der Hagen - hatten 1855 als Kirchenpatrone die erste Orgel in Auftrag gegeben. "Deshalb sind die Dorfkirchen so etwas wie ein kulturelles Zentrum", sagt Kantor Glös. Und weil die meisten der alten Orgelbauer der Region ihre Kunst auf den berühmten Joachim Wagner zurückführten, "bilden ihre bis heute erhaltenen Werke einen großen Schatz in der Uckermark". Jetzt müssen die Instrumente nur noch gespielt werden. Die Schmiedeberger haben schon einen Konzertsommer angekündigt.

Die Orgel (griechischórganon "Werkzeug, Instrument, Organ") ist ein überTastenspielbaresMusikinstrument. Der Klang wird durchPfeifenerzeugt, die durch einen Orgelwind genannten Luftstrom angeblasen werden.

Von einem Spieltisch aus kann derOrganisteinzelne Pfeifenreihen verschiedener Tonhöhe und Klangfarben (Register) ein- oder ausschalten, so dass sich verschiedene Klangfarben erzeugen lassen.

Die Pfeifen der Orgel werden über eine oder mehrere Klaviaturen, Manuale und gegebenenfalls das Pedal, angesteuert, denen die einzelnen Register jeweils fest zugeordnet sind.

Märkische Oderzeitung vom 02. Dezember 2008

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