Himmlischer Wohlklang mit Seltenheitswert

Von Sven Klamann

Lunow Glocken 

Lunow (MOZ)Schon seit fast 90 Jahren verrichten die drei stählernen Kirchenglocken von Lunow ihre wohltönende Arbeit. Doch erst jetzt wissen die evangelischen Christen, das diese Klangkörper etwas ganz Besonderes sind. Ein ehrenamtlicher Glockengutachter aus der Niederlausitz hat ihnen die Augen geöffnet.

"Soweit mir bekannt ist, gibt es nirgendwo anders noch drei Glocken aus der Werkstatt von C. Voss und Sohn in Stettin", sagt Arnold Rißler aus Welzow, der in der Fachliteratur über die Herkunft des Lunower Trios gelesen und sich deswegen umgehend auf den Weg in den Norden des Barnims gemacht hatte.

Für den Kantor und Katechet im Ruhestand ist Glockengeläut Himmelsmusik. Mit seinem fein geschulten Gehör und gleich mit mehreren verstellbaren Stimmgabeln zerlegt er landauf und landab den beim Schlag des Klöppels an die Resonanzkörper aus Bronze, Stahl oder Eisen entstehenden Klang in unzählige Einzeltöne, die ein Laie kaum unterscheiden könnte. "Nur wenn die Einzeltöne stimmen, klingt das Geläut für den Gottesdienstbesucher gleichmäßig und angenehm", betont Arnold Rißler, der Tischler wurde, bevor er den Mut aufbrachte, Kirchenmusik zu studieren und damit dem Ruf seines Herzens zu folgen. "Mich haben Orgeln und Glocken bereits als kleiner Junge fasziniert", blickt der Kantor und Katechet im Ruhestand zurück. Andere Kinder hätten für Autos, Puppen, Kaninchen oder Aquariumfische geschwärmt, er habe sich hingegen vor allem von geistiger Musik berührt gefühlt. "Bis heute kenne ich kein Hobby, das aufwühlender und beruhigender zugleich wirkt", sagt Arnold Rißler, der 1994 vor dem Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen eine Prüfung abgelegt hat und sich seither Glockensachverständiger nennen darf. Das Gremium wird von der evangelischen und von der katholischen Kirche gemeinsam getragen und kümmert sich um alles, was dazu beiträgt, das Kulturgut Glockengeläut für die Nachwelt zu bewahren.

"Die Lunower Glocken sind solide gearbeitet und liefern ein beeindruckendes Klangbild ab", urteilt der Prüfer, der sich bei seiner Analyse der Einzeltöne nicht nur auf seinen Satz an Stimmgabeln verlässt, die mit Gewichten an den Zinken verstellt werden. "Zu meiner Arbeitsausrüstung gehören überdies ein Greifzirkel zum Messen der Wandstärke, ein Hämmerchen zum Anschlagen der Glocken, Maßbänder sowie ein Thermometer", sagt Arnold Rißler.

Zudem hat der Experte für Wohlklang ein Aufnahmegerät dabei, um das Klangbild der von ihm untersuchten Glocken auf CD zu bannen. "Ich nehme das Läuten so auf, wie es auch der Gottesdienstbesucher hört", verrät der Ruheständler. Meist postiert er seine Technik daher im Altarraum oder vor dem Gotteshaus. In Lunow aber musste Arnold Rißler auf den Raum unter dem Glockenstuhl ausweichen. "Der Wind wehte so stark, dass er die Aufnahme wohl verfälscht hätte, wenn der Abstand zu groß gewesen wäre", erklärt er.

Das Gerät direkt im Glockenstuhl zu postieren, verbiete sich ebenfalls, weil der metallische Aufschlag des Klöppels dann das Klangbild dominiert hätte.

"Eine CD von den Lunower Kirchenglocken wird Pfarrer Thomas Berg erhalten", verspricht der Sachverständige, der sich mit dem Geschenk dafür bedanken will, dass er in Lunow nach Herzenslust schalten und walten durfte.

Der Pfarrer schwelgt in Vorfreude. Und es stimmt ihn froh, dass die Lunower Glocken sogar einen Fachmann begeistern. "Das Trio war im Jahr 1919 angeschafft worden, um die beiden Glocken von 1440 und 1516 zu ersetzen, die im Ersten Weltkrieg beschlagnahmt wurden", schaut Thomas Berg zurück. Die stählernen Körper haben einen Durchmesser von 910, 1100 und 1280 Millimeter. Sie wiegen 330, 580 und 900 Kilo und decken das Klangspektrum von fis bis h ab.

Allein die mittlere der Glocken wird elektrisch betrieben. Um die beiden anderen zum Schwingen und Klingen zu bringen, muss Handarbeit geleistet werden. "Deshalb läuten wir sie nur aus besonderem Anlass", betont der Pfarrer. Auf Knopfdruck setzt sich hingegen das mit einem Linearantrieb versehene elektrische Schlagwerk jeden Tag pünktlich um 12 Uhr und um 18 Uhr in Bewegung - weithin hörbar in Lunow und Umgebung. Glockengeläut ist zudem sonn- und feiertags vor dem Gottesdienst und immer dann zu vernehmen, wenn ein Gemeindemitglied stirbt.

Die Lunower Kirche verfügt des Weiteren über eine vierte Glocke aus Bronze, die aus der Zeit vor der Reformation stammt, die in Brandenburg 1539 erfolgte. Auch sie könnte noch per Hand geläutet werden, schweigt aber meist, weil ein Aufstieg zum Glockenturm im Alltag zu beschwerlich wäre.

Der Sachverständige aus der Niederlausitz weiß bloß von zwei weiteren Glocken aus der Stettiner Werkstatt, die in der Region noch in Betrieb sind: in Gellmersdorf und in Angermünde. "Aber drei Glocken auf einen Schlag - das ist einmalig", findet Arnold Rißler.

Märkische Oderzeitung vom 03. Dezember 2008

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