"Lasst die Kirche im Dorf"

Von Daniela Windolff

Kröchlendorff Bevölkerungsschwund, sinkende Einnahmen der Kirche und leere kommunale Kassen bedrohen die Zukunft kleiner Dorfkirchen ebenso wie der Zahn der Zeit, der an der oft jahrzehntelang vernachlässigten Bausubstanz nagt. Doch in immer mehr Dörfern erwacht ein ganz neues Verständnis und reges Interesse für den Erhalt der Kirchen.

Es sind Orte gelebten Glaubens, der inneren Einkehr und Würde, Orte voller Geschichte und Geschichten, bauhistorische und kulturelle Zeitzeugen vergangener Epochen. Vielleicht ist es das, was den außergewöhnlichen Wert einer Kirche für die Menschen im Dorf ausmacht, der weit über den messbaren Gebäudewert hinaus reicht. Vielleicht ist das der Grund, dass sich in immer mehr Orten Fördervereine gründen, die sich um die Sanierung baufälliger Kirchen kümmern und findige Nutzungsideen erproben.

Wie sehr die Zukunft der uckermärkischen Dorfkirchen die Menschen bewegt, bewies die außerordentlich große Resonanz der 25. Kröchlendorffer Gespräche - der Bundestagsabgeordnete Markus Meckel hatte dazu am Freitagabend auf Schloss Kröchlendorff eingeladen. Allein 40 Fördervereine gibt es in der Uckermark, obwohl der Anteil der Christen an der Bevölkerung nur knapp 20 Prozent beträgt. 60 Prozent der Mitglieder in den Fördervereinen sind kirchlich ungebunden.

Kröchlendorff 

"Die öffentlichen Proteste gegen Verfall und Schließung von Dorfkirchen sind weit größer als wenn die letzte Dorfkneipe aufgegeben wird. Sogar Atheisten gehen auf die Barrikaden", sagte Bernd Janowski. Als Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg steckt er sein Herzblut und seine Kompetenz nicht nur in die Kirchen-Rettung, sondern unterstützt Fördervereine bei ihrer oft mühseligen ehrenamtlichen Arbeit um Genehmigungen, Geld, Mitstreiter und Nutzungskonzepte. Leidenschaftlich plädierte Janowski dafür, Kirche im Dorf nicht nur unter wirtschaftlichen Aspekten zu betrachten, sondern auch als Faktor für Lebensqualität und Identifikation.

Am Beispiel seines Heimatdorfes Melzow schilderte er den Umbruch des sozialen Lebens im Dorf. Gab es bis 1990 in Melzow noch Schule, Postamt, Bäcker, Laden, Gaststätten und LPG und somit Arbeit für die Dorfbewohner vor Ort, hat von all dem heute nur noch die 800 Jahre alte Kirche Bestand. Sie ist für die Dorfbewohner zu einem Symbol für Heimat und Geborgenheit geworden. Seit einigen Jahren kümmert sich ein Förderverein in dem 200-Seelen-Ort um die Sanierung und Wiederbelebung der Dorfkirche. Die kleine Kirchgemeinde allein wäre mit dieser Aufgabe überfordert.

Wo ein Landpfarrer mehr als 15 Gemeinden und ebenso viele Kirchen zu betreuen hat, könne er sich unmöglich auch um Sanierungskonzepte und Baubetreuung kümmern, räumte Superintendent Reinhart Müller-Zetzsche ein. Angesichts schwindender Gemeinden und leerer Kassen könne langfristig nicht jede Kirche für Gottesdienste aufrechterhalten bleiben, verteidigte er recht pragmatische Strategien. "Wir haben eindeutig zu viele Kirchen, weil sie weder mit Konzerten noch mit Gottesdiensten ausgelastet werden können." Man sei bereit, "so manche Kröte zu schlucken". Es sei durchaus besser, eine Kirche zu entwidmen, als sie abzureißen.

Pröbstin Friederike von Kirchbach würdigte das Engagement der Fördervereine für den Erhalt der Dorfkirchen. "Sie sind ein ungeheurer Schatz, und dieses Verständnis teile ich mit den meisten Menschen im Land." Gleichzeitig warnte sie davor, Kirchen der Beliebigkeit preis zu geben. "Wir brauchen dringender denn je Orte zum Rückzug, zum Erinnern, zum Stillen einer Sehnsucht, die Glaube erfüllen kann."

Die Sicht ehrenamtlicher Streiter für den Erhalt von Kirche im Dorf als Gebäude und Ort der Identifikation schilderte Oliver Schwers vom Förderverein Denkmalpflege Günterberg, der gegen viele Widerstände von Kirche und Behörden ungewöhnliche Wege für ein Zusammenrücken von weltlichen und kirchlichen Zeremonien geht. Durch Findigkeit und Hartnäckigkeit können künftig in Günterberg alle Dorfbewohner unabhängig ihrer Konfession unter dem Dach der Kirche beigesetzt werden, ohne die heilige Würde des Altars zu beschädigen, eine Nutzungsidee, die Schule machen könnte. "Es gibt nicht nur zu wenige Ideen. Es gibt auch zu viel Lethargie und viel zu viele Bedenkenträger", kritisierte Oliver Schwers und erntete spontanen Beifall des Publikums, in dem auch viele Mitglieder von Fördervereinen saßen.

Um Kirche Zukunft zu geben, müsse über Nutzungserweiterung nachgedacht werden, forderte Bernd Janowski. Konzerte, Ausstellungen, die Aktionen "Offene Kirche" und "Musikschulen öffnen Kirchen" seien erfolgversprechende neue Wege. Wie begeistert Kinder und Jugendliche den besonderen Geist aufnehmen, den Kirchen atmen, schilderte Dorothea Janowski, Leiterin der Uckermärkischen Musik- und Kunstschule Angermünde, die nicht nur Musikschulkonzerte in Dorfkirchen, sondern auch Kirchen- und Orgelführungen für Kinder durchführt.

Märkische Oderzeitung vom 30. März 2009

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