DENKMALPFLEGE: Kompromiss mit Illusionen

Die Paretzer Kirche feiert den Abschluss ihrer Sanierung

PARETZ - Der erste Blick geht jeden Morgen aufs Messgerät: "61 Prozent Luftfeuchtigkeit, 12,7 Grad", liest Hans-Wolfgang Keil ab. Wenn der erste Wert jetzt noch sinkt und der zweite steigt, dann ist die Welt der Paretzer Kirche wieder in Ordnung.

Für diese Ordnung haben die Paretzer viel getan. Sie haben eine beispiellose Sanierung ihrer Kirche auf die Beine gestellt. Zwei Besonderheiten hebt Hans-Wolfgang Keil, der Baubeauftragte des Gemeindekirchenrats, hervor: Saniert wurde bei stets geöffneter Kirche unter den Augen der Besucher und in Paretz vergeht kein Tag ohne Neugierige. Saniert wurde ohne Förderverein und ohne die Vorteile, die eine Patronatskirche mit sich gebracht hätte. Die Paretzer mussten sich also mühsam ein Finanzierungskonzept für ihre Sanierung stricken. Am Ende wurden in zehn Jahren 525 000 Euro verbaut; mehr als ein Viertel steuerte die Kurz-Lange-Stiftung Bielefeld bei, ein Achtel kam von anderen Stiftungen und Einrichtungen, die Stadt Ketzin gab 25 000 Euro hinzu. Den Löwenanteil musste die Gemeinde selbst zusammentragen, mit unzähligen kleinen Spenden und Eigenmitteln, eingebracht etwa bei Benefizkonzerten, Lesungen und in Kirchencafés, kam sie so auf 288 000 Euro.

Das Sammeln geht weiter, denn der Turm ist innen noch nicht fertig. Aber das Äußere und der Innenraum der Kirche sind wiederhergestellt. Wobei das Wiederherstellen nicht nur eine Frage des Geldes war. Hier trafen denkmalpflegerische Welten aufeinander. Denn das Gebäude hat es baugeschichtlich in sich.

Errichtet im 14. Jahrhundert wurde es oft verändert. Wandgemälde aus der Erbauungszeit stellen die "Verkündigung Mariae", die "Geburt Christi" und vermutlich "Christus in der Mandorla mit fürbittenden Heiligen" dar. Zur Besonderheit wurde die Kirche 1797, als Paretz Sommersitz des preußischen Kronprinzens wurde; der Geschmack jener Zeit machte vor der Kirche nicht halt, sie wurde nach Plänen von David Gilly kräftig umgebaut, erweitert und ausgemalt. 1856 griff Baumeister August Stüler noch einmal ein, zusätzliche Fenster und Schmucksäulen veränderten den Raum.

Von all dem wird nun etwas zu sehen sein. "Ein Kompromiss", fasst Hans-Wolfgang Keil die zähen Diskussionen zusammen und macht keinen Hehl daraus, dass der Gemeindekirchenrat mitunter eine andere Meinung als die Fachleute vom Denkmalschutz in Potsdam hatten. "Wir hätten die Säulen gern ausgemalt, nun bleiben sie angedeutet", erklärt der Paretzer. Das wackelige, schmucklose Taufbecken aus den sechziger Jahren findet bei den Paretzern wenig Gegenliebe, das hätten sie gern ausgemustert. Aber die Denkmalpflege bestand auf Zeugnissen aus den sechziger Jahren, zu denen der schlichte Altar und das einfache Kreuz gehören. "Auch das ist Kirchengeschichte", sagt Hans-Wolfgang Keil versöhnlich. Mit dem neuen Gesamteindruck sind doch alle ganz glücklich, vor allem die illusionistisch ausgemalte Decke zieht die Blicke auf sich.

Das Geschaffene wollen die Paretzer Pfingstsonntag feiern. Die Messwerte wird Hans-Wolfgang Keil aber auch an so einem Tag nicht aus dem Auge verlieren. (Von Marlies Schnaibel)

Märkische Allgemeine vom 25. Mai 2009

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