DENKMALPFLEGE: Einsame Kleinode

Anspruchsvoll sanierten Kirchen fehlt heute oft eine Nutzung / Experten berieten in Belzig

BELZIG - "Kirche als Ort des geistigen, ästhetischen, sinnlichen Genusses, als Ort der Anregung wie der Kontemplation, Ort des Gemeindegesangs, von Konzerten, Lesungen, Ausstellungen, Installationen und Theater. Ort der Verschmelzung von geistlicher und weltlicher Kunst."

Die Vision von der behutsamen Öffnung des sakralen Raumes, die Uwe Otzen, Vorsitzender des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg zu Beginn der Schlusstagung seines Vereins am Wochenende in Belzig kurz skizzierte, ist mancherorts und ansatzweise bereits Realität.

Dahinter steht die Erkenntnis: Die Kirche muss sich auf den Weg machen, um im Dorf zu bleiben. Und nicht selten, so unterstrich Brandenburgs Kulturministerin Johanna Wanka (CDU), geschähe dies in engem Miteinander von Christen und Nichtchristen. Denn die etwa 1400 kleinen Dorfkirchen, die in unnachahmlicher Weise die brandenburgische Landschaft prägen, sind oftmals das einzige soziokulturelle Zentrum ihrer Orte.

Im 13. Jahrhundert meist als Feldsteinbau von den Siedlern errichtet und selbst nach dem Dreißigjährigen Krieg nahezu allerorten wieder aufgebaut, besitzt noch heute fast jedes Dorf ein Gotteshaus. Doch kaum ein Jahrhundert hat den Sakralbauten in Brandenburg so zugesetzt wie das vergangene. Zu den größten kulturellen Brüchen gehörten zweifellos der Zweite Weltkrieg und vier Jahrzehnte DDR. Nicht nur das Christentum an sich erlitt Verluste, sondern auch die Bausubstanz seiner Kirchen.

In den Jahren nach der Wende wurden Millionen in die Restaurierung gesteckt, "gepaart mit einem bundesweit einmaligen ehrenamtlichen Engagement", wie die Kulturministerin betonte.

Seitdem recken sich Kirchtürme etwas stolzer in die Landschaft, die Außenhülle ist saniert, die Malerei restauriert, Altäre, Orgeln, Uhren und Geläut erneuert. Ästhetisch schön und doch oft ungesehen und selten genutzt. Vielerorts, so ein Redner, stünden Kirchen mitten im Dorf "und doch einsam vor sich hin".

Vielleicht erkannte dies auch der Maler Roger Loewig, der kurz vor seinem Tod eine ganze Serie von Flämingkirchen "wie Schiffe im weiten Roggenmeer" zeichnete ohne dörfliche Anbindung, umliegende Gehöfte oder Zeichen von Leben.

Dorfgemeinschaft und Kirche wieder zusammenzubringen, den vereinsamten Raum für überkirchliches Interesse zu öffnen, ist Anliegen des Förderkreises Alte Kirchen. Mit dem 2006 gestarteten und von der Kulturstiftung des Bundes getragenen Projekt "Kunst und Kultur in brandenburgischen Dorfkirchen" sind weithin sichtbare erste Schritte getan worden. Überregionale Initiativen wie "Theater in der Kirche" oder "Musikschulen öffnen Kirchen" sowie vielfältige Kleinstprojekte, so wurde vielfach resümiert, hätten den Kulturdenkmälern eine neue Wahrnehmung verschafft.

Ein zeitgenössischer Künstler wecke mit seiner Kunst oft auch den Blick für die zeitlose Schönheit einer Kirche, sagte ein Tagungsteilnehmer in Belzig. Diese punktuelle Wechselwirkung habe dazu beigetragen, in der Glaubensgemeinschaft selbst über neue Aufgaben der Kirche innerhalb der Gesellschaft nachzudenken. (Von Kerstin Henseke)

Märkische Allgemeine vom 13. Oktober 2009

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