Injektionen in alte Klostermauern

Von Daniela Windolff

Injektionen in alte Klostermauern 
Immer an der Wand lang: Restauratoren reinigen und sichern derzeit den mittelalterlichen Putz samt wertvoller historischer Wandmalerei an der Südwand des Franziskanerklosters in Angermünde.

Angermünde (MOZ) Mit hauchfeinen Pinseln wird derzeit in der Franziskanerklosterkirche in Angermünde Hausputz gemacht. Restauratoren reinigen und sichern mit Fachkenntnis und Fingerspitzengefühl den mittelalterlichen Putz an der Südwand, der zum Teil über 750 Jahre alt ist. In Brandenburg gibt es nur noch wenige Bauwerke mit Originalputz aus dieser Epoche. Dementsprechend wertvoll ist die Bausubstanz in Angermünde, die erhalten werden soll. Doch der Zahn der Zeit, Schmutz und Erschütterungen setzen den Zeugnissen längst vergangener Zeiten bedrohlich zu.

Auf den ersten Blick sieht es für den Laien aus wie ganz normaler bröckelnder Putz. Nicht schön. Verwittert. Grau. Auf den ersten Blick ist der Laie geneigt, die losen Putzfladen abzuschlagen.

Doch für Jan Raue und seine Kollegen sind das unersetzbare Kostbarkeiten und deren Beschädigung eine Todsünde. Der erfahrene, freiberufliche Restaurator erklärt warum: "Der Putz an der Südwand der Angermünder Franziskanerklosterkirche stammt aus der romanischen Zeit um 1250. Es gibt nur noch sehr wenige Bauwerke mit original Putz aus dieser Epoche in Brandenburg!"

Die Südwand des Klosters, die zum Klosterplatz hin zeigt, ist das einzig erhaltene Zeugnis des ursprünglichen Klosterbaus, ein Feldsteinbau. "Die Feldsteinkirche wurde um 1300 abgerissen und als Backsteinbau neuerrichtet. Nur diese Feldsteinwand blieb erhalten", erklärt Jan Raue. Er war es auch, der bei Restaurierungsarbeiten vor einigen Jahren die mittelalterlichen Wandmalereien freilegte, eine kleine Sensation. Die Malereien stammen aus verschiedenen Epochen und zeichnen so ein einmaliges, authentisches Geschichtsbild der früheren Bauherren, Baukunst und Nutzer des Klosters. Von 1350 datiert ein Bild, das das Weltgericht darstellt, um 1500 entstanden verschiedene Stadtansichten. Die älteste Malerei stammt aus der Gründungszeit des Klosters.

Nun wurde der Berliner Restaurator von der Stadt Angermünde beauftragt, den historischen Putz samt wertvoller Wandmalerei zu säubern und zu sichern, denn der löst sich bedrohlich in großen Fladen von der Feldsteinwand und droht abzublättern. Das ist für Jan Raue und seine Kollegen, allesamt freiberufliche Restauratoren, ein kniffliges und aufwändiges Unterfangen. Bis zu fünf Zentimeter weite Ablösungen haben die Restauratoren wieder zu festigen. "Jede Erschütterung, auch durch Schallwellen, könnte derzeit zu einer weiteren Ablösung des Putzes führen", gibt der Experte zu bedenken, der die Diskussionen um Konzerte in der Klosterkirche mitverfolgt hat.

"Die Klosterkirche ist Kulturgut. Wir haben nur eine Geschichte", pflichtet ihm auch sein Kollege Tobias Jung bei, der zum Restauratorenteam in der Klosterkirche gehört. "Doch so ein wunderschöner Raum muss auch öffentlich genutzt werden, auch für Konzerte. Deswegen sind wir ja hier."

Behutsam wird der Putz vom Staub der Geschichte befreit. Anschließend werden die Hohlräume mit speziell angefertigtem italienischem Restauriermörtel und Technik, die an Medizin erinnert, wie Injektionsspritzen oder Schläuche ausgefüllt, um den losen Putz wieder ans Mauerwerk zu binden. Filigrane Handarbeit, die Wochen dauert.

Der Mörtel, den die Erbauer vor mehr als 750 Jahren benutzten, sei bedeutend beständiger als heutige Baumaterialien und eins zu eins gar nicht mehr herzustellen, erklärt Jan Raue. Zwar bestehe Mörtel damals wie heute aus Sand und Kalk, allerdings wurde damals vermutlich auch Wiesenkalk benutzt, der viel mehr Verunreinigungen enthielt. Und darin liege vielleicht die hohe Lebensdauer mittelalterlichen Mörtels begründet, vermutet der Restaurator. Bis Mitte November werden die Restauratoren in der Klosterkirche noch zu tun haben. Für Jan Raue, der schon mehrmals im Kloster und auch in der Marienkirche zu tun hatte, eine der schönsten und anspruchsvollsten Aufgaben. Derzeit arbeitet der Restaurator auch in der Boitzenburger Kirche sowie in der Dorfkirche Thomsdorf. Die Uckermark mit ihren vielen Denkmälern liebt der Berliner Restaurator. "Es ist meine Lieblingsmark", schmunzelt Jan Raue, der mittlerweile seinen Zweitwohnsitz ins Boitzenburger Land verlegt hat, um der Geschichte näher zu sein.

Märkische Oderzeitung vom 21. Oktober 2009

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