Die himmlischen Retter retten

Die Aktion "Menschen helfen Engeln" ruft zu Spenden für die Skulpturen auf

Von Robby Kupfer

Einer der beiden Taufengel, die in der Herzberger Kirche zu sehen sind   Taufengel aus Zernitz  
Einer der beiden vollständig erhaltenen Taufengel, die in der Herzberger Kirche zu sehen sind. Restaurator Werner Ziems mit dem von der Holzwurm-Plage befreiten Taufengel aus Zernitz.
Fotos (3): Kupfer
In Herzberg bei Lindow schweben gleich zwei Taufengel von der Decke
In Herzberg bei Lindow schweben gleich zwei Taufengel von der Decke.

WÜNSDORF Welch eine Parade, und das ausgerechnet in Wünsdorf. Wo zu DDR-Zeiten jahrzehntelang Tausende russische Soldaten exerzierten, hing in dieser Woche eine Schar himmlischer Boten von der Decke einer ehemaligen Panzerkaserne herab.

Hintergrund für die öffentlichkeitswirksame Präsentation der zumeist mehr als 300 Jahre alten himmlischen Holzfiguren war der Start der Spenden-Aktion "Menschen helfen Engeln". Gemeinsam ins Leben gerufen von dem in Wünsdorf ansässigen Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege, der evangelischen Kirche Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) und dem Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, sollen genügend Gelder akquiriert werden, um möglichst viele Taufengel zu retten.

Denn nicht wenige der oft auch als "stillen Helfer im Gottesdienst" bezeichneten Figuren sind stark vom Holzwurm befallenen, zerbrochen, nur noch in Fragmenten vorhanden oder auch "nur" bis zu Unkenntlichkeit verschmutzt. Brandenburgs oberster Denkmalschützer, Landeskonservator Professor Detlef Karg, drückte die Notwendigkeit der Spendenaktion durchaus drastisch aus: "Viele der doch eigentlich sehr leisen Engel schreien nach Restaurierung". Und Bernd Janowski vom Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg ergänzte: "Wir Menschen müssen mit unseren Spenden den Engeln helfen, damit diese wieder wirken können und uns Menschen helfen." Dass der Zustand von mehr als der Hälfte der rund 150 in Berlin und Brandenburg noch vorhandenen Taufengel so dramatisch ist, hat auch etwas mit ihrem Erscheinen und Verschwinden in den Gotteshäusern der Region zu tun.

Gerade in den protestantischen Kirchen tauchten die ersten Taufengel nicht zufällig wenige Jahrzehnte nach der Reformation auf. Oft in Verbindung mit den ebenfalls neu geschaffenen Kanzelaltären, ersetzten die Engel samt der von ihnen gehaltenen Taufschale das traditionelle Taufbecken. Zumeist von der Kirchendecke an einem Seil oder einer Kette herabschwebend, hatten sie nicht nur eine liturgische Funktion, sondern waren auch barockes Detail der Kirchenausstattung. Genau dieses aber bewirkte, dass bereits Mitte des 19. Jahrhunderts die meisten der Taufengel wieder aus den Kirchen verschwanden, weil sie einem rationaleren Zeitgeist im Wege standen.

Viele der abgehangenen Engel blieben so lediglich im Verborgenen erhalten auf Kirchenböden, in Abstellkammern oder in den Magazinen von Heimatmuseen. Aber auch die noch in den Kirchen verbliebenen sind oft in einem bedauernswerten Zustand.

Lediglich 32 der rund 150 märkischen Taufengel konnten in den vergangenen 15 Jahren fachgerecht saniert werden. Für die Mehrheit der bedürftigen Himmelsboten fehlte bisher schlicht das Geld. Was die natürlich nicht zufällig in der Adventszeit gestartete Spenden-Sammlung nun ändern soll. So wurden 4 000 Flyer und 60 000 Postkarten mit Motiven von sechs besonders restaurierungsbedürftigen Taufengeln gedruckt. Die meisten sollen in den traditionell gut besuchten Advents- und Weihnachtsgottesdiensten verteilt werden.

Neben einer Spende für den allgemeinen Restaurierungsfond können aber auch Patenschaften über einzelne Taufengel übernommen werden. Pröpstin Friederike von Kirchbach von der EKBO verwies darauf, dass auch kleine Spenden zum Erhalt der Engel beitragen können. Zudem hofft sie, dass die restaurierten Engel nicht nur als Museumsstücke in die Kirchen zurückkehren, sondern auch wieder ihren liturgischen Zweck als Helfer bei der Taufe erfüllen können.

Am Beispiel des wunderschönen, aber nur fragmentarisch erhaltenen Taufengels aus Zernitz bei Neustadt/Dosse erläuterte Restaurator Werner Ziems die Arbeit zur Rettung der Engel. Die vom Havelberger Bildhauer Heinrich Joachim Schultz Anfang des 18. Jahrhunderts geschaffene Figur wurde behutsam gesäubert, in einer mit Stickstoff gefüllten Kammer vom Holzwurm befreit und mittels flüssiger Kunstharze an besonders gefährdeten Stellen gefestigt.

Im Durchschnitt 5 000 Euro kostet die Rettung eines Taufengels. Ziems hofft, dass "Menschen helfen Engeln" ein so großer Erfolg wird, dass er sich demnächst selbst vor Arbeit kaum noch retten kann.

Spendenkonto: Förderkreis Alte Kirchen; Kto-Nr. 5 199 767 005; BLZ 100 900 00 (Berliner Volksbank); Kennwort: Taufengel

Oranienburger Generalanzeiger vom 01. Dezember 2009

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