Gottesdienste im einstigen Billardraum

Von Ulf Grieger

 

Golzow (MOZ) Im Frühjahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 65. Mal. Im Bombenhagel während der Schlacht um Küstrin und die Seelower Höhen und des Marsches auf Berlin wurden allein in der Seelower Region 28 Kirchen zerstört. In loser Folge stellt Oderland Echo Kirchengemeinden vor, die Notkirchen oder Ersatzbauten schufen, um Gottesdienste feiern zu können. Heute: Golzow

"Um die Kirche für immer aus dem Ort zu tilgen, wurde selbst der Standort unkenntlich gemacht, indem eine Straßenkreuzung direkt darüber geführt wurde" heißt es verbittert in dem 1992 von Hans-Georg Rieger und Günther-Alexander von Wittich herausgegebenen Band "Kirche im Oderbruch". Tatsächlich erinnert heute nichts mehr daran, dass die nun leere Mitte des Ortes einst eine prächtige Kirche hatte. Im Umzug zur 700-Jahrfeier allerdings führte die Kirchgemeinde ein großes Gemälde von diesem Bau mit. Das Bild steht heute im Pfarrhaus, das den Golzowern gemeinhin als Kirche gilt.

In den Chroniken, Edeltraud Wurl hatte zur Jahrfeier die Unterlagen zusammengetragen und um Interviews mit Zeitzeugen erweitert, findet sich wenig zu den Umständen, unter denen die Ruine der im Krieg zerstörten Kirche abgetragen wurde. Der erste in Golzow nach dem Krieg amtierende Pfarrer Heinz Korb hatte es übernommen, gemeinsam mit der Kirchgemeinde das schwer zerstörte Pfarrhaus wieder aufzubauen. Zuvor fanden alle kirchlichen Veranstaltungen in der alten Schule statt, heißt es in der Kirchenchronik. 1953 wurde der Glockenschauer errichtet. Zwei Jahre später konnten zwei Glocken angeschafft werden. Ihre alten Glocken hatten die Golzower für die Weltkriege geopfert. 1917 die aus dem Jahre 1749 und 1942 die von 1781. Edith Treichel gab zu Protokoll: "Kirchgänger gab es nach 1945 viele. Es kann aber auch sein, dass daran die sogenannten Care- und Westpakete nicht ganz unschuldig waren." Der Abriss der Kirchmauern fällt in die Dienstzeit von Pfarrer Fritz Köhne (1952 bis 1973). Eine Zeit, die von zunehmendem staatlichen Druck auf die Kirche gekennzeichnet war. Ab 1950 wurde kräftig gegen die junge Gemeinde propagiert. Eva-Maria Plume erinnerte sich, dass Mitte der 50er Jahre die Werbung für die FDJ aufdringlich und aggressiv wurde.

Langsam und stetig fand die Entkirchlichung statt. Und auch nach der Wende bleiben die Kirchenbänke zunächst leer, schreibt Edeltraud Wurl. Das änderte sich aber etwas, als Pfarrerin Katharina Furian 1992 die Pfarrstelle Golzow übernahm. Von dieser Zeit schwärmen die Mitglieder des Golzower Frauenkreises, die sich regelmäßig im Pfarrhaus treffen, noch immer. Die Kirchenchöre Golzow und Gorgast schlossen sich zusammen und übten unter Leitung von Gilbert Furian zunächst in Golzow, später unter Leitung von Antje Finkenwirth in Manschnow. Sogar die streitbare einstige Sozialministerin von Brandenburg, Regine Hildebrandt, war zu jener Zeit im Pfarrhaus zu Gast.

Zu besonderen Anlässen, wie kürzlich zu einer Aussprache zum Thema Erneuerbare Energien, oder zu Weihnachten und Konfirmationen sowie zur Einschulung ist der im ehemaligen Billardzimmer des Pfarrers eingerichtete Gemeindesaal auch gut gefüllt. Sigrid Fakler ist der "gute Geist" des Hauses, kümmert sich darum, dass alle Veranstaltungen in warmer Stube stattfinden können, alles immer ordentlich und sauber ist. Häufig hilft auch Hildegard Sucker dabei. Johannes Menzel hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Glocken bei allen wichtigen Anlässen zu läuten.

In diesem Jahr soll der Eingangsbereich verschönert werden, informiert Pfarrerin Anja Grätz. Der Glockenstuhl wird saniert.

Märkische Oderzeitung vom 27. Februar 2010

   Zur Artikelübersicht