Die große Liebe und der Kirchplatz

Von Mandy Timm

 
Christine Wiese zeigt ein Bild, auf dem beide Ortwiger Kirchen zu sehen sind. Kurze Zeit nach der Aufnahme wurde die kleine Fachwerkkirche abgerissen. Weiter auf dem Bild: Siegfried Macholtz, Christa Wegner, Irmgard Kaul und Jürgen Sattler (v.l.)

Ortwig (MOZ) Im Frühjahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 65. Mal. Im Bombenhagel während der Schlacht um Küstrin und die Seelower Höhen und des Marsches auf Berlin wurden allein in der Seelower Region 28 Kirchen zerstört. In loser Folge stellt Oderland Echo Kirchengemeinden vor, die Notkirchen oder Ersatzbauten schufen, um Gottesdienste feiern zu können. Heute: Ortwig

"Big Love" - große Liebe hat jemand in schlanken Buchstaben an den einstigen Altar gesprüht. Ob er mit dem Bekenntnis eine Angebetete meint, Gott oder die Kirche bleibt offen. Beliebt ist der ungewöhnliche Platz, auf dem der Altar unter freiem Himmel steht, allemal und das, obwohl von der früheren Kirchenpracht nicht mehr viel übrig ist. Das Gotteshaus in Ortwig ist zerstört, eine Ruine, seit 65 Jahren schon, seit dem Zweiten Weltkrieg.

Mächtig und stolz soll die Kirchturmspitze früher schon von weitem zu sehen gewesen sein. Irmgard Kaul erinnert sich noch. Die Christin gab 1944 in dem Gotteshaus auch ein Liebes-Bekenntnis. Sie heiratete. Ein Jahr später lag die Kirche in Schutt und Asche. Zeitweise sollen bis zu 700 Artillerierohre auf Dorf und Gotteshaus gerichtet worden sein. Ortwig wurde am Kriegsende zu 45 Prozent zerstört.

So wie von vielen Häusern und Gehöften blieb auch von der Kirche nicht fiel. Dabei war der Bau relativ neu. Seine Lebensdauer betrug gerade mal 33 Jahre. Weil der Vorgänger, eine Fachwerkkirche, stark baufällig war - der Pfarrer soll während eines Festgottesdienst beinahe mit der hohen Kanzel abgestürzt sein und der Kirchturm drohte bei jedem Glockenschlag einzustürzen - musste neu gebaut werden. 1911 legten die Christen den Grundstein. Zwei Jahre später wurde die neue, stattliche Dorfkirche feierlich eingeweiht. Bis zum Abriss des alten Fachwerkbaus standen in Ortwig zwei Kirchen nebeneinander.

Der Altar im neuen Bau wurde damals Richtung Osten und neben dem Kirchturm errichtet. "Beides ist ungewöhnlich", sagt Christine Wiese von der Kirchengemeinde. "Altäre zeigen in evangelischen Kirchbauten eigentlich nach Westen und befinden sich nicht neben dem Kirchturm." Weil der Boden sehr uneben und sumpfig war, sei extra eine Bodenplatte gegossen worden, erzählt Frau Wiese. Die massive Platte allein verschlang eine horrende Summe. Um weitere Kosten für eine Bodenplatte zu sparen - im Westen, wo der Kirchturm normalerweise steht, war ebenfalls grundloser Boden -, wurde der Kirchturm kurzerhand neben den Altar gebaut.

Nachdem die Kirche zerstört war, hielten die Christen zunächst in der Gaststätte Siebert ihre Gottesdienste ab. Konfirmanden-Unterricht fand bei den Familien Brill und Kaul im Wohnzimmer statt. Anfang der 50er Jahre arbeitete Ernst Krüger detaillierte Pläne für einen Kirchenneubau aus mit Kostenvoranschlägen und dem Material, das nötig war. Der Plan wurde sogar vom Kirchlichen Bauamt abgesegnet. In das Gotteshaus sollten unten der Pfarrer einziehen und oben die Kirchengemeinde für ihre Gottesdienste. Aus dem Vorhaben wurde aber nichts. "Warum", sagt Christine Wiese, "weiß niemand so genau. Stattdessen wurde die Kirche nach den Ortwiger Plänen im Nachbardorf Groß Neuendorf aufgebaut." 1954 wurde stattdessen an einem Teil der Ruine eine schlichte Notkirche für die Glieder errichtet. Bis heute treffen sich dort Ortwiger und Groß Neuendorfer zusammen, 126 insgesamt. Zwei Glocken wurden im selben Jahr unkonventionell in die hohen Fensteröffnungen der erhalten gebliebenen Südwand eingebaut.

Das große Aufräumen begann erst nach der Wende. Schuttberge und Bäume wurden Lkw-weise abgefahren. Der Altar und ein Großteil des gefliesten Kirchenbodens blieben fast vollständig erhalten. Maurermeister Detlef Brückner aus Kienitz sanierte "mit Hilfe einfacher, aber wirksamer Mittel die noch vorhandenen Gebäudeteile", wie Hans-Georg Rieger und Günther-Alexander von Wittich in ihrem Buch Kirchen im Oderbruch schreiben, und hauchte der Kirchenruine neues Leben ein.

Die Ortwiger schätzen den Ort in ihrer Mitte und bekennen sich auch dazu. Sie haben einfach aus der Not eine Tugend gemacht. Jeden Sommer finden dort, wo einst ihre stolze Kirche stand, Konzerte statt oder Gottesdienste. Dann werden Stühle und Bänke herbeigeschafft, dann wird gelauscht unter freiem Himmel und einem Blätterdach. Die Ortwiger hegen und pflegen ihren Kirchplatz - so wie er ist. Es ist fast wie eine "Große Liebe".

Märkische Oderzeitung vom 06. März 2010

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