KIRCHE: Was lange währt, klingt endlich gut

Die Rüthnicker Orgel wird Gemeindeeigentum und der Pfarrer will so schnell wie möglich eine Konzertreihe anschieben

 
Pfarrer Ulrich Baller vor der aufwendig bemalten Delumau-Orgel.
Foto: Juliane Felsch

RÜTHNICK - Schnell muss es jetzt gehen. Am liebsten würde Ulrich Baller sie gleich morgen herholen: Die brasilianische und die lettische Organistin, die für das Einweihungskonzert der Rüthnicker Delhumeau-Orgel im Sommer im Gespräch sind. Alles, nur nicht das, erträgt der Pfarrer im Moment: dass die Orgel wieder schweigt. Diese "echte Perle", wie er sagt. Könnte Baller selbst spielen, würde er sich ransetzen.

Anfang März hatte der Gemeindekirchenrat von Rüthnick mit knapper Mehrheit dafür gestimmt, das Instrument für 20 000 Euro zu kaufen. Eine Entscheidung mit langer Geschichte. Ende 2008 hatte der amerikanische Orgelforscher John Barr das Instrument, das vorher in der Berliner Heilig-Kreuz-Kirche gestanden hatte, aus seinem Privatbesitz den Rüthnickern als Leihgabe zur Verfügung gestellt. "Ich gab ihnen sechs Monate. Daraus wurden 18 ich war kurz davor, sie ihnen wieder wegzunehmen", erzählt Barr. Zumal er mit dem Kaufpreis erheblich nach unten gegangen war. Orgelbauer schätzen den Wert des Instruments auf 50 000 Euro, 30 000 verlangte Barr, am Ende sogar nur noch 20 000.

16 600 Euro hat die Gemeinde bereits gesammelt. Um den fehlenden Betrag sorgt sich Baller nicht. Er hat Anträge beim Kirchenkreis Templin-Gransee und der Landeskirche gestellt; außerdem gibt es in diesem Jahr wieder das gemeinsame Erntefest von Rüthnicker Vereinen und der Kirchengemeinde, das als Benefizaktion genutzt wird.

Schon einmal nämlich vor 150 Jahren hatten die Rüthnicker gemeinsam für ihre Orgel gesammelt. Mit 25 Thalern aus dem Nachlass der Mutter legte der Prediger Schulze damals den Grundstock. Jeder gab, was er konnte. Bäuerliche Wirte und sogar Tagelöhner spendeten. 1858 konnte die Rüthnicker Orgel von der Wittstocker Firma Lütkemüller eingeweiht werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verfiel die Rüthnicker Kirche. Wilde Sträucher wucherten, aus dem Gotteshaus wurde eine Ruine und bald ein baupolizeilicher Sperrbezirk. In den 70er Jahren baute man auch die Orgel ab. Seitdem rettete sich die Kirche mit Behelfsorgeln über die Jahre. 2003 wurde der Wunsch nach einem passenden Instrument wieder laut. Sieben Jahre suchte die Gemeinde. Nun ist es gefunden und könnte vielleicht sogar helfen, der Kirche etwas von ihrem alten Zustand zurückzugeben. In den 80er Jahren teilte man die Kirche im Zuge der Restaurierung. Die Orgel steht nun im beheizbaren Teil der Rüthnicker Kirche, dort, wo früher der Altarraum war. Auch das Grün der aufwendigen Bemalung der Orgel erinnert Baller an die historische Kirche, die im Westteil erhalten werden konnte. Das dritte Relikt: Zwei Pedal-Register der alten Lütkemüller-Orgel sind noch vollständig erhalten. Gerade die, sagt Ulrich Baller, könnten jetzt der Clou der neuen Orgel werden als nachträglich eingebaute Register, die dem Instrument erst seine richtige Fülle geben werden. John Barr hat die Kontakte zu den Orgelbauern; auch der Orgelsachverständige der Landeskirche, Klaus Eichhorn, ist grundsätzlich einverstanden. Der war überhaupt schon 2006 überzeugt, dass es das richtige Instrument für Rüthnick ist und es in der Ruppiner Orgellandschaft einen "reizvollen Akzent" setzen würde.

Bei der Vorstellung, dass alte Pfeifen in der neuen Orgel erklingen, schwärmt Ulrich Baller wie eine ganze Konfirmandengruppe: "Das wäre der Hammer." Auch ohne eigenen Bass will er so schnell wie möglich eine Konzertreihe anschieben. Und vielleicht lernt er ja eines Tages selbst noch das Orgelspielen. (Von Juliane Felsch)

Märkische Allgemeine vom 23. März 2010

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