Die Kirche im Dorf lassen und Wege dorthin bahnen

Was mit einer Vision und neugierigen Blicken in Richtung Sachsen-Anhalt zur Mitteldeutschen Kirchenstraße begann, mit zahlreichen Gesprächen, Konzeptionen, Anträgen und viel Enthusiasmus sowie Daumendrücken auf den Weg gebracht wurde, kann jetzt realisiert werden. Vor wenigen Tagen gab es im Schliebener Drandorfhof die Auftaktveranstaltung für die Kirchenstraße Elbe-Elster.

 

47 große und kleine Kirchengebäude zwischen Schlieben, Schönewalde, Herzberg, Mühlberg, Uebigau-Wahrenbrück und Doberlug sind konfessionsübergreifend integriert, bei weiteren Gemeinden liegt Interesse vor. "Das Projekt ist erweiterungsfähig, denn die Region verfügt mit ihren Kirchen, die meist die markantesten und ältesten Bauwerke in den Orten sind, über ein flächendeckendes Netz an kulturhistorischer Substanz. Wir wollen die Kirche im Dorf lassen, sie in eine Kultur- und Bildungsstraße integrieren und auf diese Weise zu ihrem Erhalt beitragen", sagte Ulrich Hartenstein als Vorsitzender des Vereins Wald- und Heideland zur Begrüßung und bekam dafür spontanen Beifall. Dass trotz einer sehr kurzfristigen Einladung sehr viele Gäste nach Schlieben gekommen waren, sah er als positive Antwort auf die Frage, "wie wichtig meine Kirche für mein Dorf, für mich als Bewohner und für die Besucher ist." Wie aber können die zum großen Teil aufwändig sanierten Gotteshäuser wieder mit Leben gefüllt werden als Teil der Identität des jeweiligen Ortes? Die Ideen, die von den Akteuren dazu im vergangenen Jahr niedergeschrieben wurden, waren für die Bewilligungsbehörde, die über die europäische Leader-Förderung entscheidet, aussagekräftig und überzeugend. Bereits im November 2009 wurden 99 000 Euro an Förderung ausgereicht. Diese sind bestimmt für die Machbarkeitsstudie, für die Schulung und Qualifizierung von Kirchenführern und für die Routenplanung inklusive Schautafeln, Hinweisschildern und Flyern.

Ein zweiter Projektteil wird von der Lokalen Aktionsgruppe (LAG) Elbe-Elster betreut. Sven Gundermann: "24 000 Euro Fördermittel können für die übergreifende Zusammenarbeit mit der Mitteldeutschen Kirchenstraße in Sachsen-Anhalt, speziell mit dem Raum Jessen und Wittenberg, verwendet werden. Wir sind ebenso wie die dortigen Akteure der Meinung, dass eine Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil gereicht."

Ulrich Hartenstein: "Von unseren Freunden dort konnten wir lernen, dass Menschen nicht nur auf der Suche nach Religion, sondern auch im Bestreben, mehr über die Geschichte der Region zu erfahren, den Weg in die Kirchen wählen. Sie finden ihn umso mehr, wenn er kenntlich gemacht wird und ihnen vor Ort kundige Einwohner zur Seite stehen, aber auch landläufig zu erzählen wissen, was für sie selbst das Besondere in dieser Kirche, in ihrem Wohnort ist." Aus diesem Grund waren auch zahlreiche Pfarrer nicht allein nach Schlieben gekommen, sondern gemeinsam mit Frauen und Männern, die sich in den nächsten Monaten zu Kirchenführern ausbilden lassen möchten.

Die Kreisvolkshochschule Elbe-Elster hat dafür den Zuschlag bekommen. Bereits am 9. April soll für die Teilnehmer aus dem Finsterwalder Raum eine Rhetorik-Schulung beginnen. Dieser folgen allgemeine Kursstunden über Kirchengeschichte und spezielle direkt in den jeweiligen Kirchen. Für Bad Liebenwerda und Herzberg gibt es in den nächsten Tagen konkrete Termin-Festlegungen. Im Herbst möchte dann die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung Berlin-Brandenburg (EAE) die Qualifizierung übernehmen. Dr. Wolfgang Wesenburg von der EAE sah man deshalb schon im angeregten Gespräch mit künftigen "Schülern", und er bekundete: "Das wird spannend, ich freue mich darauf."

Stellvertretend für viele seiner Kollegen sagte Pfarrer Michael Seifert: "Ich bin dankbar, dass es nun losgeht. Ganz wichtig scheint mir, dass wir tatsächlich über den eigenen Kirchturm hinweg immer auch die anderen Kirchtürme im Blick haben. Nur so können wir unser Vorhaben auf einem guten Weg halten. Manch einer mag das Projekt Kirchenstraße in die Rubrik Tourismusunternehmen schieben. Aus meiner Sicht soll es viel mehr sein: Dass unsere Kirchen ein Ort sind, in denen ich die Nähe Gottes erfahren kann, aber auch Interessantes über die Baukunst der Region und vor allem über die Menschen, die heute in den Dörfern wohnen."

Von Gabi Zahn

Lausitzer Rundschau vom 01. April 2010

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