Der Zuckerhut von Letschin

Von Mandy Timm

 
Wahrzeichen: Seit bald 200 Jahren ist Letschin für seinen Schinkelturm bekannt. Fast wäre er vom Erdboden verschwunden.
Foto: Johann Müller

Letschin (MOZ) In diesem Frühjahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 65. Mal. Im Bombenhagel während der Schlacht um Küstrin, die Seelower Höhen und des Marsches auf Berlin wurden allein in der Seelower Region 28 Kirchen zerstört. In loser Folge stellt das Oderland Echo Kirchengemeinden vor, die Notkirchen oder Ersatzbauten errichteten. Heute: Letschin

Fast wäre das Wahrzeichen vom Erdboden verschwunden. Das war im Jahr 1973. Die Kirche, die seit dem Zweiten Weltkrieg nur noch als Ruine in der Letschiner Dorfmitte stand, sollte abgerissen werden und der schlanke Turm, den die Letschiner wegen seiner verzierten Spitze seit jeher Zuckerhut nannten, gleich mit. Aus Gründen der Sicherheit, hieß es. Dabei war der Turm 1945, als der Krieg schon so gut wie beendet war und letzte Feuergefechte noch viele Häuser und die Kirche in Schutt und Asche legten, fast unbeschädigt geblieben. Die Standfestigkeit, hieß es, sei ohne Fundament und Kirchenmauern nicht mehr gegeben. Das Abrissvorhaben des Turmes rief jedoch die Kirchenmitglieder der evangelischen Gemeinde auf den Plan. So schnell wollten sie sich damit nicht zufrieden gegeben. Ein Bauwerk, das mehr als 150 Jahre überdauert hat, reißt man nicht einfach in wenigen Tagen nieder. Erst recht nicht, wenn es einst nach Plänen des berühmten, preußischen Architekten Karl Friedrich Schinkel erbaut worden ist. Erst recht nicht, wenn es das Wahrzeichen des Dorfes ist.

Mit Hilfe des damaligen Chefs der Letschiner Bau PGH, Lutz Gregorczyk, legten die Christen das Fundament frei. Sie wiesen nach, dass der Turm alleine stehen kann. Der drohende Abriss war abgewendet. Der Turm gerettet.

Seine Geschichte beginnt 1818/19. In den Jahren wurde der Letschiner Schinkelturm im Stil der märkischen Backsteingotik erbaut. Das Gotteshaus war damit vollendet. Wenige Jahre zuvor war die Saalkirche fertig geworden. Die feierliche Weihe fand 1813 statt. Pfarrer Eccius schrieb damals: "Ein großer herrlicher Tag, der viel Leid vergessen machte."

Beim Bau des Turmes mussten die Bauleute sehr sorgfältig und genau arbeiten. Schinkel hatte detaillierte Anweisung gegeben, welche Klinker zu verwenden sind, Schindeln, welcher Mörtel. Der Turm sollte ein Musterbau für märkische Dorfkirchen werden. Etwa 34 Meter ist er hoch. Gekrönt wird der Turm von einer verzierten Metallspitze.

Seit 1956 rufen auch wieder drei Glocken im Kirchturm die Christen zum Gottesdienst. Am 2. Advent fand die Weihe statt. Ein Glöckner tat bis 1965 seinen Dienst. Später konnte mit Spenden ein elektrisches Läutwerk finanziert werden.

Nach 1974 wurde der Kirchturm 2001/2002 ein zweites Mal aufwendig und sorgfältig restauriert. Bauherr war der Landkreis Märkisch-Oderland, der Pächter des Schinkelturmes. Für 99 Jahre wurde das Wahrzeichen Mitte der 70er Jahre von der Kirchengemeinde an den damaligen Rat des Kreises übergeben. Nach der politischen Wende übernahm der Landkreis die Unterhaltung und Pflege.

Heute treffen sich die Letschiner Christen im Pfarrhaus an der Bahnhofstraße. Es wurde vor mehr als 110 Jahren als zweite Pfarrstelle im Ort gebaut. Die Baugenehmigung für den Gemeindesaal, deren tatsächliche Größe von außen niemand vermutet, kam 1949. Das alte Pfarrhaus - vermutlich wurde es um 1600 errichtet - stand bis zu seiner Zerstörung 1945 dort, wo sich heute das Altenpflegeheim "Haus Hanna" befindet.

Schön und schlicht und von weit her sichtbar, so standen Kirche und Schinkelturm bis 1945 als Einheit in Letschin. In den letzten Kriegstagen brannte das Gotteshaus bis auf die Grundmauern nieder. Ein Wiederaufbau war nicht finanzierbar. Der Abriss offenbar unumgänglich - eine Kaufhalle sollte stattdessen an Stelle der Kirche gebaut werden. Übrig blieb den Letschinern nur ihr "Zuckerhut".

Im unteren Turmbereich gibt es heute eine kleine Dauerausstellung zur Geschichte des einstigen Gotteshauses und ein Mini-Kirchenmodell. Hätte sich die Kirchengemeinde nicht für das Wahrzeichen des Dorfes stark gemacht, am Ende wäre es wohl tatsächlich wie die Kirche spurlos vom Erdboden verschwunden.

Märkische Oderzeitung vom 10. April 2010

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