KIRCHEN: Vier Brote für einen Altar

Die Dorfkirche von Heiligengrabe steht zwar im Schatten des Klosters, ist aber ebenfalls ein Schmuckstück

HEILIGENGRABE - Wenn jemand die Dorfkirche von Heiligengrabe kennt, dann ist es Erwin Seemann. Er wurde dort getauft und konfirmiert, er hat dort geheiratet und noch in diesem Jahr wird aus Anlass seiner diamantenen Hochzeit ein Gottesdienst für ihn und seine Frau Gerda in dieser Kirche gefeiert. Und es waren nicht nur die persönlichen Festtage, die ihn mit dieser Kirche verbindet, die zu den ältesten der Prignitz zählt. Aber dazu später mehr.

Wann das Gotteshaus gebaut wurde, kann heute wohl niemand mehr sagen. "Die Kirche muss im Jahr 1287 bereits existiert haben, denn sie spielt in der alten Gründungslegende eine Rolle." Die alte Sage, nach der ein Jude in der Dorfkirche in Techow so der alte Name des Dorfes einen Hostiendiebstahl begangen haben soll, kam erst Jahrhunderte später auf.

Der Wehrturm ist noch im Original erhalten. Das Kirchenschiff reichte bis zum 30-jährigen Krieg lediglich bis zur ersten Bank und wurde danach um einige Meter und die halbrunde Apsis verlängert. Damals kamen auch mehrere Reihen Backsteine auf das spätmittelalterliche Feldsteinmischmauerwerk, sodass das Kirchenschiff heute um etwa einen halben Meter höher ist als im 13. Jahrhundert. Und einem Hinweis in einem alten Kunstführer zufolge besaß die Kirche an der Südseite eine kleine Vorhalle aus dem Jahr 1678. Diese bestand als Aufbahrungshalle bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (ca. 1880) solange wie der Kirchhof auch als Friedhof genutzt wurde. Im Mauerwerk ist noch erkennbar, wo diese Halle einst angebaut war.

Das Innere ist tadellos in Ordnung. "Die Kirchengemeinde hat das alles aus eigener Kraft finanziert, wir haben keine Fördermittel bekommen, nur einen zinslosen Kredit", erzählt Tom Seemann vom Gemeindekirchenrat. Doch über die alten Geschichten weiß sein Schwiegervater Erwin Seemann viel besser Bescheid, denn er war annähernd vier Jahrzehnte Kirchenältester in Heiligengrabe, bis er sich für die laufende Wahlperiode wegen seines hohen Alters er ist 82 Jahre alt nicht mehr zur Verfügung gestellt hat.

Er selbst indes hat sich immer darum gekümmert, dass "seine Kirche" in Ordnung gehalten wurde. Noch heute kann er sich an die Arbeiten am Dach erinnern, die in den 1960er Jahren erledigt werden mussten, weil es durchregnete. Ein "Bengel aus der Nachbarschaft" hatte auf Spatzen geschossen und dabei einzelne Dachsteine getroffen. Und die Kinder und Lehrer aus der Schule beobachteten damals die Männer, die das Dach reparierten.

1985 wurde die Kirche innen saniert. "Schon als Kind habe ich immer die Efeu- und Weinranken in den Fenstern bewundert", erzählt er. Und später als Erwachsener hat er sich oft gesagt: "Sollte ich irgendwann noch einmal dazu kommen, die Kirche auszumalen, dann mache ich es genau so, wie es mal war. Ich wollte immer das Alte erhalten." Und irgendwann kam es tatsächlich dazu, dass Erwin Seemann die Kirche ausmalen durfte. Vor Beginn der Arbeiten hat er die noch sichtbaren Konturen der ursprünglichen Bemalung abgepaust, um sie hinterher wieder aufzubringen. Auch bezüglich der Farben hielt er sich ans Original.

Eines Tages während der Renovierung bekamen er und die drei Mitarbeiter seines kleinen Malerbetriebes Besuch vom Dorfpolizisten. Der so tat, als wolle er sich nur mal in der Kirche umschauen. Es dauerte aber nicht lange, bis ein Schreiben der Kreisleitung bei ihm eintraf: "Die wollten wissen, wie wir dazu kämen, außerplanmäßig in der Kirche zu arbeiten, wo wir doch den Konsum in Blesendorf malern sollten." Doch davon ließ sich Erwin Seeman nicht sonderlich beeindrucken.

Und weil er schon dabei war, und weil zur frisch ausgemalten Kirche die Staubkruste auf dem Barockaltar, der um 1700 gebaut wurde, ganz und gar nicht passen wollte, brachte er den auch gleich noch in Ordnung. "Es hat vier Tage gedauert und ich habe vier Brote verbraucht." "Vier Brote?" "Ja, vier Brote. Jeden Tag eins." Das muss er genauer erklären. Also: Was macht das Brot mit dem Altar? "Man nimmt ein Brot, es muss einen Tag alt sein. Mit dem Brotkanten reibt man über das Holz. Das Brot nimmt den Staub auf und die verschmutzte Krume bröselt herunter. Die Wirkung ist genauso wie bei einem Radiergummi. Damit bekommt man dicke Staubkrusten weg." Aha. Der Zuhörer staunt, der alte Mann mit der großen Erfahrung in solchen Dingen schmunzelt verschmitzt. Der Trick mit dem Brot soll auch bei verschmutzten Tapeten funktionieren.

Zur Innenausstattung gehören drei Wappen, die an der Orgelempore angebracht sind. "Darüber wissen wir gar nichts", sagt der Pastor von Heiligengrabe, Thomas Hellriegel. Es gibt nur eine Vermutung, die durch nichts belegt ist. "Es könnte sich um die Familienwappen der Stifterinnen der Innenausstattung handeln. Eine Zuordnung zu Namen ist allerdings nicht mehr möglich." Die Bänke unten bieten Platz für 120 Personen. Oben auf der Orgelempore können noch einmal 30 Leute sitzen.

Die Orgel ist neueren Datums. Es handelt sich um ein elektronisches Instrument, das Anfang der 1990er Jahre eingebaut wurde. Die Pfeifen sind lediglich Attrappen.

Im Eingang im Erdgeschoss des mächtigen Wehrturms hängt neben einer Gedenktafel ein ganz besonderes Kruzifix, das an den Stil von Ernst Barlach erinnert, aber mit ihm nichts zu tun hat. Es wurde von 1957 von der Dresdner Holzbildhauerin Brigitta Großmann-Lauterbach eigens für diese Kirche angefertigt. 430 Mark der DDR hat es gekostet. In Auftrag gegeben hat es damals Pastorin Ingeborg-Maria Freiin von Werthern, die auch Äbtissin des Kloster Stifts war.

Im Turm ist Platz für drei Glocken. Die große aus dem Jahr 1770 und die kleine aus dem Jahr 1905 fielen dem Ersten Weltkrieg zum Opfer. Die mittlere aus dem Jahr 1797 blieb verschont und hängt heute noch an ihrem Platz. Die kleine Glocke wurde in den 1920er Jahren ersetzt. Seit 1984 funktioniert das Geläut elektrisch. Kurt Pekrul hat seinerzeit die Vorrichtung dafür eingebaut.

Gleich neben den Glocken erblicken regelmäßig junge Turmfalken das Licht der Welt. Den Nistkasten auf der Südseite gibt es seit der Dachumdeckung, die im Jahr 1986 erfolgt ist. Der Kasten auf der Nordseite des Turms kam im Jahr 2004 dazu, als die Kirche ein komplett neues Dach erhielt.

Zu den baulichen Arbeiten der jüngeren Zeit zählt auch die Innenausmalung im Jahr 2003. Dabei blieben natürlich die Wein- und Efeu-Ranken von Erwin Seeman unangetastet.

Und obwohl das Gotteshaus tadellos in Ordnung ist, gab es noch einen Wunsch, der zum Erntedankfest erfüllt wird. "Wir haben ein neues Parament bestellt", berichtete der Pastor. Das ist ein ganzjährig nutzbares Tuch für den Altar. Es wird derzeit gerade angefertigt und wird von sehr guter Qualität sein, damit es sehr lange hält. (Von Uta Köhn)

Märkische Allgemeine vom 21. April 2010

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