Langer Kampf gegen die Einsturzgefahr

von Benjamin Lassiwe

 
Die Kirche Küstrinchen hat eine zweite Chance erhalten.   Grawer

POTSDAM/KÜSTRINCHEN - Malerisch liegt das kleine Dorf zwischen Wald und See, mitten in der Uckermark. Gerade einmal 45 Einwohner hat Küstrinchen. Ihre Häuser gruppieren sich in zwei Reihen um einen Dorfanger, in deren Mitte eine alte Feldsteinkirche steht. Doch um das Gotteshaus stand es lange Zeit nicht gut: In den letzten Jahren der DDR wurde es nicht genutzt. Folgt man den Kirchenbüchern, fand am 9. November 1975 zum letzten Mal ein Gottesdienst in Küstrinchen statt - vier Besucher kamen und die Kollekte ergab elf DDR-Mark. Später nutzte der örtliche Forstbetrieb die Kirche als Lager für Kastanien, Rüben und Futtergetreide. Und als 14 Jahre später die Berliner Mauer fiel, war die Kirche von Küstrinchen eine Ruine. Es herrschte Einsturzgefahr.

Doch das Gotteshaus im uckermärkischen Wald erhielt eine zweite Chance. Zu verdanken ist das vor allem dem Berliner Kunsthistoriker Bernd Janowski und seinem Förderkreis "Alte Kirchen" Berlin-Brandenburg, der heute mit einem Festakt in Potsdam sein 20-jähriges Bestehen feiert. Historiker aus Marburg hatten 1990 den tragischen Zustand der Gotteshäuser Brandenburgs bemerkt. In den letzten Monaten der DDR gaben sie den Anstoß zur Vereinsgründung. "Mitte der 1990er Jahre konnte die ,Bild’-Zeitung noch schreiben, dass in Brandenburg 200 Kirchen vor dem Einsturz stünden", sagt Janowski, Geschäftsführer des Förderkreises. Letzterer arbeitet vor allem mit örtlichen Kirchbauvereinen zusammen, koordiniert deren Arbeit und gibt die Broschüre "Offene Kirchen" heraus, die ein Verzeichnis zahlreicher für Besucher geöffneter Sakralbauten enthält.

Auch in Küstrinchen gab der Förderkreis "Alte Kirchen" letztlich den Anstoß zur Gründung eines Kirchbauvereins, der erfolgreich an der Sanierung des Gotteshauses arbeitete. Heute ist in der Kirche das Dach gesichert und der Turm saniert. Und dank mehrerer großzügiger Spender hat die Kirche wieder Bänke, Glocken und ein Orgelpositiv.

Von den 1500 Kirchen Brandenburgs seien nur noch "sehr, sehr wenige sehr gefährdet", sagt Janowski. Künftig will sich der Verein verstärkt für die Restaurierung alter Innenausstattung einsetzen: Denn auch in brandenburgischen Dorfkirchen sind noch wahre Schätze zu finden. "Brandenburg war nie ein reiches Land - deswegen gibt es in vielen Kirchen noch Altäre aus vorreformatorischer Zeit oder der Renaissance", sagt Janowski. "Man hatte einfach nicht das Geld, um alle hundert Jahre eine neue Kirchenausstattung zu bezahlen."

Im vergangenen Herbst startete der Förderverein deswegen eine Aktion "Menschen helfen Engeln", mit deren Hilfe sechs alte Taufengel in brandenburgischen Kirchen saniert werden sollten. Bis April dieses Jahres gingen dazu Spenden in Höhe von rund 16 000 Euro ein. "Noch gibt es in Brandenburg viel zu tun", sagt Janowski. "Aber verglichen mit der Situation in den ersten Jahren nach dem Mauerfall haben die Fördervereine wirklich viel bewegt."

Hilfreich war dabei sicher auch die Veranstaltungsreihe Brandenburgischer Dorfkirchensommer, der am morgigen Sonntag in Siethen bei Ludwigsfelde sein 15-jähriges Bestehen feiert: 1995 bereisten vier Berliner Frauen, darunter die Gattin des früheren EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber, Kara, gemeinsam Brandenburg und klingelten in den Pfarrhäusern, um die alten Kirchen zu besichtigen. "Pfarrerinnen und Pfarrer haben uns damals ihre Kirchen gezeigt, und von den einzelnen Veranstaltungen dort berichtet", sagt Antje Leschonski, die damals dabei war, und heute der Motor der Veranstaltungsreihe ist. Es entstand die Idee eines zentralen Veranstaltungsprogramms für alle Dorfkirchen.

Heute erreicht es eine Auflage von 12 000 Exemplaren. Kirchenkonzerte und Lesungen finden sich darin ebenso wie Ausstellungen und die traditionell an Pfingsten gefeierte "Lange Nacht der Kirchen". Und zahlreichen Berlinern und Brandenburgern dient das Programm als Ideengeber für den nächsten Sonntagsausflug. Er könnte zum Beispiel nach Küstrinchen gehen - denn auch die einst verfallene Kirchenruine im Wald ist nach der Sanierung längst ein fester Ort für Gottesdienste und Kulturveranstaltungen geworden.

Der Prignitzer vom 08. Mai 2010

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