KIRCHE: Ofenholz unter der Bank

Das kleine Gotteshaus in Ließen kommt im Winter auch ohne Zentralheizung aus

 
Schmuck sieht die kleine Kirche in Ließen aus. Der helle Putz wirkt einladend.
Foto: MAZ/ Behrendt

LIEßEN - Helle Farben und große Fenster sorgen für einen freundlichen Eindruck. Den kann sich jeder in Ließens Kirche verschaffen. Den Schlüssel gibt es gleich gegenüber bei Ortsvorsteher Steffen Petzold, der zugleich Wirt der Gaststätte "Zum kühlen Grunde" ist. "Unsere Hausgäste fragen öfter, ob sie die Kirche besichtigen können", sagt die Wirtin.

Das Aufschließen ist einfach. Dann muss das Gotteshaus während des Besuchs offen bleiben, weil noch eine zweite Tür aufzuklinken ist, die das Schließen der ersten von innen verhindert. Da die Kirche sehr klein ist, kann sich niemand ungesehen einschleichen. Anzuschauen gibt es dennoch einiges.

Der Engel, der vor dem Altar, von der Decke hängt, fällt sofort auf. Ob er wohl leichtgläubig ist? Blauäugig strahlt er jeden an und schafft eine heitere Atmosphäre. "Das ist ein ganz besonderer Taufengel. Wie kann er mit dem gehobenen Arm die Taufschale gehalten haben?", fragte sich Joachim Boekels. Der zuständige Pfarrer hat sich in die Geschichte des Hauses vertieft und herausgefunden, dass der Engel einst so stark beschädigt war, dass er einen neuen Arm bekommen hat, der nichts mehr halten musste. "Den Arm hebt er segnend über die Gemeinde. So ist er zum Weihnachtsengel geworden", freut sich der Pfarrer und ergänzt: "Ließen ist die einzige Kirche im Umkreis, in der jedes Jahr um 23 Uhr eine Christmette gehalten wird."

Dann dürfte das Ließener Gotteshaus auch eins von ganz wenigen sein, in dem die rechts vorn sitzenden Gäste ins Schwitzen kommen könnten. Dort steht nämlich ein Ofen; das Rohr führt auffallend weit durch den Raum. Holz liegt gleich unter einer Kirchenbank. Früher hat ihn Herbert Jeserig angeheizt. Längst hat Edeltraud Hillner dem Senior die Aufgabe abgenommen.

Angeheizt wird auch zum Weihnachtsmarkt, wenn es Kaffee und Kuchen in der Kirche gibt. Den kann man sogar an einem kleinen Tisch einnehmen. Zwei Esszimmerstühle stehen bereit; dicht am dicken Feuerlöscher unter der Treppe. Die führt auf die Empore zum Harmonium und weiter in den Turm. Den Zugang versperrt eine Luke. Zu sehen gäbe es nur die alten Glocken, die elektrisch betrieben werden.

Wesentlich älter ist der Ort. Die Quellen, darunter das "Gerichtsbuch der Stadt Jüterbog", nennen die Jahreszahlen 1325/1339. Bekannt wurde der "Heyne Lysen" gehörende Ort durch die 1435 auf dem Golmberg erbaute Kapelle, die zum Wallfahrtsziel wurde. Mit der Reformation sank das Interesse an der Marienkapelle, die 1562 abgerissen wurde. Der Marienaltar blieb erhalten und befindet sich in der Stülper Kirche.

1544 nahm der erste evangelische Pfarrer, Clemens Herzberg, seine Arbeit in Ließen auf. 1562 bei der ersten evangelischen Kirchenvisitation wurden elf Haushalte im Ort gezählt. "Der gehörte zur Pfarre Petkus, womit der Erzbischof in Magdeburg nicht einverstanden war", so Boekels. Von 1577 bis 1872 war die Schlossherrschaft zu Stülpe für Ließen samt Kirche zuständig. Das Wappen der von Rochows in Ließens Kirche zeugt davon. In der Heffter-Chronik steht, dass Ließen schon viel früher zu Stülpe gehörte.

1588 musste die Gemeinde ihre große Kirchenglocke an die Kirche in Stülpe abgeben. Ein neuer Kirchturm wurde 1616 erbaut. Die Freude währte nur kurz. 1644 wütete der Dreißigjährige Krieg in Ließen. Nach der Schlacht bei Jüterbog zogen schwedische Soldaten unter General Torstenson mordend durchs Dorf und verwüsteten es. 1685 begann der Kirchenneubau, 1697 folgte die Einweihung. Von den Kriegen zeugen auch das Denkmal vor der Kirche, dessen Adler in der DDR entführt worden war, und eine Tafel im Innern. Sie ist den Gebrüdern Köhler gewidmet, die an drei Kriegen teilgenommen hatten und 1870 fielen.

Der Zeit entsprechend war ihre Heimatkirche 1770 im Barockstil umgebaut worden. Dabei entstand auch das Schulhaus an der Kirche.

Ein Blitzeinschlag beschädigte 1817 den Kirchturm, der 1883 neu eingedeckt wurde.

1988 kam Ließen kirchlich endgültig zum Pfarrsprengel Petkus. Die Verbindung nach Stülpe war durch den Schießplatz immer schwerer geworden; seit Jahrzehnten war Ließen bereits von Petkus aus versorgt worden.

Jetzt leben noch 16 Christen in Ließen. "Die Zahl macht deutlich, dass zum Erhalt der Kirche die gesamte Bevölkerung gefragt ist", sagt Pfarrer Joachim Boekels. "Die Kirche im Dorf ist identitätsstiftend über die religiöse Einstellung hinaus", ergänzt er. (Von Gertraud Behrendt)

Märkische Allgemeine vom 26. Mai 2010

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