Die Kirchentür steht immer offen

Kienitz (moz) In diesem Frühjahr jährte sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 
65. Mal. Im Bombenhagel während der Schlacht um Küstrin, die Seelower Höhen und des Marsches auf Berlin wurden allein in der Seelower Region 
28 Kirchen zerstört. In loser Folge stellt das Oderland Echo Kirchengemeinden vor, die Notkirchen oder Ersatzbauten errichteten. Heute: Kienitz

 
Aufgang zur Kirche: Das weiße Gebäude in seiner heutigen gedrungenen Gestalt lenkt die Blicke der Ortsbesucher auf sich.
© MICHAEL MÄRKER

"Die Kirche soll außen einen grauen Anstrich bekommen. Damit sie ihren alten Charakter behält. So wollte es der Superintendent. Aber die Maurer sagten: Unsere Kirche muss strahlen. Die streichen wir weiß." Das schrieb Erna Roder neben eine ihrer vielen Dorfansichten von Kienitz. Strahlend weiß mitten im Bild ihre Kirche. Ihr Lebenswerk.

Die Pfarrersfrau hat durch ihre Bilder in der der Autodidaktin eigenen naiven Malweise die Kienitzer Kirche vor dem schleichenden Verfall bewahrt. Durch den Verkauf ihrer Landschaften, Blumen und Tiere auf Dachschiefer, Papier, Pappe und Keramikfliesen, ihrer Figuren aus Stein und Beton, durch die Herausgabe ihrer Kalender von 1991 bis 2001 finanzierte sie die Instandsetzung des Gotteshauses. Und erfüllte damit auch das Vermächtnis ihres Mannes, des Pfarrers Wilhelm Roder, der von 1949 bis 1973 die Kienitzer als Geistlicher durch die schwierigen Nachkriegsjahre begleitete. Bei Pfarrer Roder waren kurz nach seinem Amtsbeginn überraschend drei Herren mit Spendengeldern aufgetaucht ein Bischoff aus der Schweiz und aus Schweden und ein deutscher Kirchenvertreter. Sie ermutigten ihn zum schnellen Wiederaufbau der zerstörten Kirche. Und so begann tatsächlich die ortsansässige Firma Otto Arndt 1951 mit dem Aufbau nach den Plänen des Architekten Gustav Gebhardt, noch ehe die Baugenehmigung eintraf.

Ein schwieriges Unternehmen, fehlte es doch, so wenige Jahre nach dem Krieg, fast an allem zum Bauen. Doch 1953 wurde die "Notkirche" eingeweiht und gesegnet. Es gab sogar eine eigentümliche Besonderheit in Kienitz: Als Ersatz für das zerstörte Pfarrhaus wurde das Kirchenschiff in zwei Geschosse geteilt. Im unteren entstand eine Wohnung für den Pfarrer, im oberen entstanden dagegen, über ein Treppenhaus erreichbar, zwei Gemeinderäume und ein Kirchsaal. Der Turm wurde verkürzt und erhielt statt seiner ursprünglichen steilen Spitze einen flachen Helm. Die Wände des ursprünglichen östlichen Kirchenschiffes blieben als Ruine ohne Dach stehen.

"Ein Mahnmal" für den heutigen, die Kienitzer Gemeinde betreuenden Letschiner Pfarrer Frank Schneider. "Es wird immer an den Zweiten Weltkrieg erinnern, an das zerstörerische und furchtbare Leid, das auch dieses Oderbruchdorf erfuhr." Denn Kienitz war hart umkämpft. Unter der Kirche befand sich ein Befehlsbunker, der Friedhof war ein Kampffeld, auf dem die Grabsteine Schützengräben stützten. Als die Waffen endlich schwiegen, lagen die Häuser des Dorfes in Schutt und Asche, standen von der Kirche nur noch Mauerstümpfe.

Der einstige Stolz der Kienitzer, ein verputzter Backsteinbau mit Glockenturm, wurde nach Abbruch des Vorgängerbaus zwischen 1829 und 1832 errichtet. Kienitz war kirchlich bis 1844 eine Filiale von Letschin. Bis dahin mussten die Konfirmanden jede Woche einmal ins über sieben Kilometer entfernte Letschin zum Unterricht laufen. Am 1. Juli 1844 wurde die Kirche Kienitz selbstständig. Zur Gemeinde gehörten Sophienthal, Sydowswiese und Rehfeld "mit insgesamt 3200 Seelen", wie aus der Chronik hervorgeht. Als "stattlich verputzten Saalbau mit Rundbogenfenstern und spitzem Westturm, der 1894 noch weitreichend renoviert wurde", beschreibt der Kleinmachnower Heimatforscher Dieter Mehlhardt in seinem Aufsatz über Märkische Dorfkirchen 1998 das Gotteshaus von Kienitz. Als "baulich gelungenes Provisorium mit erkennbarer Zweckbestimmung, zugeschnitten auf die heutige Gemeinde, mit kleinem Turm" sei die Kienitzer Kirche, so Mehlhardt, "die Zierde des Dorfes".

Bis in den Ersten Weltkrieg hinein besaß die Kirche drei Bronzeglocken. Sie mussten 1916 zum Einschmelzen für den Geschützbau abgeliefert werden. Dasselbe Schicksal ereilte die Zinnpfeifen der Orgel. In den ersten Februartagen 1945 wurde das Kirchengebäude bis auf die Umfassungsmauern durch deutsche Artillerie zerstört. Vom Pfarrhaus blieb nur ein Schuttberg übrig. Kienitz war der erste russische Brückenkopf westlich der Oder. Wer heute die Tür zur Kirche öffnet, findet im überdachten Vorraum zum offenen Schiff diese Daten und Fakten zur Chronik. Reproduktionen Erna Roders von ihrer Kirche zu allen Jahreszeiten hängen an den Wänden. Und auch eine Fotografie von ihr. Sie zeigt die Pfarrersfrau, wie sich viele Menschen an sie erinnern beim Malen auf der Wiese im Garten. Die Bilder widerspiegeln ein Stück von ihr selbst alles erscheint ausgewogen, fügt sich ineinander.

Wer von diesem Vorraum in das offene Schiff tritt, wird gefangen genommen von der Stille dieses Ortes, von der Eigentümlichkeit der weißen Mauern, über die sich der klare Himmel wölbt.

"Die Kienitzer Kirche das ist mein Lebenswerk", schrieb Erna Roder. "Manchmal denke ich, meine Kraft reicht nicht mehr aus für all das, was noch zu tun nötig ist." Sie reichte nicht. 2007 starb die Ehrenbürgerin von Kienitz und die Brandenburgerin des Jahres 1994. Noch 1981 erfolgten durch ihren beharrlichen Einsatz Instand- und Erhaltungsmaßnahmen an der Kirche. Der Außenputz und Anstrich wurde erneuert, die Ruine wurde gesichert, die provisorische Trennwand des Kirchenschiffs zum offenen Teil massiv errichtet. Später wurden die Fenster ausgewechselt. "Nun steht erneut eine umfassende Sanierung des Mauerwerks und des Putzes an", sagt Pfarrer Schneider. "Wir haben Fördermittel beantragt, auch Kirchenkreis und Landeskirche wollen uns unterstützen. Als Sprengel haben wir gemeinsame Pläne alle Kirchengemeinden zusammen. Darin liegt unsere Stärke für die Zukunft", ist Pfarrer Schneider überzeugt. "In Kienitz feiern wir seit Jahren gemeinsam das Pfingstfest. Und Kienitz soll ein Ort zum Verweilen und Besinnen am Oder-Neiße-Radweg werden." Sich Zeit nehmen auf dem Weg das passt zu den Psalm-Worten unter dem Zifferblatt der Kienitzer Kirchturmuhr: "Gott, meine Zeit steht in deinen Händen". Die Tür steht für jeden offen.

Märkische Oderzeitung vom 30. Mai 2010

   Zur Artikelübersicht