Blick vom Altarfenster zur Mutterstadt

Bleyen (moz) In diesem Frühjahr jährte sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 65. Mal. Im Bombenhagel während der Schlacht um Küstrin, die Seelower Höhen und des Marsches auf Berlin wurden allein in der Seelower Region 28 Kirchen zerstört. In loser Folge stellt das Oderland Echo Kirchengemeinden vor, die Notkirchen oder Ersatzbauten errichteten. Heute: Bleyen

 
Mit Altarfenster zum Oderdeich: Das Innere des Kirchleins hat etwas von einer Schiffskajüte.
© Johann Müller

Die Bleyener vertrauen auf Gott und den Deich. Wer das vor 50 Jahren errichtete Kirchlein auf dem Neubleyener Friedhof betritt, hat ein bisschen das Gefühl, in eine Schiffskajüte hinab zu steigen. Das Fensterchen hinter dem Altar gibt den Blick auf den Deich und das nahe Küstrin, die Mutterstadt des Dörfleins, frei. Küstriner waren es, die nach 1820 auf den alten Magazinen ihrer Stadt die Kolonie anlegten. Noch immer finden die Neubleyener in ihren Gärten den Schutt der einstigen Speicheranlagen, sagt Werner Zäh. Der 70-Jährige war 1948 als Flüchtling aus dem heute polnischen Reppen (Weststernberg) nach Altbleyen gekommen. Die Familie hauste in einer Futterküche, bis sich der Vater bei Wilhelm Pieck beschwerte.

Wann wurde das Kirchlein gebaut? Ganz genau weiß das niemand. Aber, dass der benachbarte Tischlermeister Otto Kaepernick das Gebäude errichtet hat, ist sicher. Das Gestühl baute er aus alten Möbeln. "Als ich 1958 konfirmiert wurde, gab es die Kirche noch nicht", weiß Ingrid Pötsch. Gottesdienste fanden zuvor in der Schule statt. Die befand sich nach 1945 im Altbleyener Gutshaus, bis 1950 das Schulhaus Neubleyen wieder aufgebaut war. In Neubleyen, auf dem Grundstück von Emma Giebler, stand ebenso ein Bauwagen der Goßner-Mission wie am Pfarrhaus von Küstrin-Kietz. Und noch eine Behelfskirche gab es im Gemeindeteil Neuschaumburg. Die Stelle ist heute völlig zugewachsen. In der Waschküche von Emma Giebler fand die Bibelstunde statt. Elisabeth Jordan, die Katechetin, war seit 1953 dort aktiv. 1963 hat Werner Zäh bereits in der Kapelle seine Margit geheiratet. Mit ihr war er schon im Religionsunterricht zusammen.

Das Bleyener Kirchlein hat ursprünglich genau ausgesehen wie die Behelfskirche von Sophienthal. Dass es der kleinen Gemeinde in den vergangenen Jahren gelungen ist, daraus ein richtiges Schmuckkästchen zu machen, liegt auch an einer größeren Spende aus dem Ort. So war es möglich, das Gebäude gründlich zu sanieren. In diesem Jahr wurde der Fußboden erneuert, wurden neue Möbel gekauft.

Die Bleyener lieben ihre Kirche und selbst aus Küstrin-Kietz kommen Gemeindeglieder gern dorthin. "Wenn ich beim Gottesdienst durchs Fenster schaue, dann erfreue ich mich am schönen Blick auf die sich verändernde Natur", schwärmt Werner Zäh. Er ist der Glöckner von Bleyen. Bei kirchlichen Anlässen läutet er die Glocke, die die Inschriften "Herr lehre uns beten" und "Friede sei mit euch" trägt. Woher diese Glocke stammt, weiß niemand so genau.

Märkische Oderzeitung vom 05. Juni 2010

   Zur Artikelübersicht