KIRCHEN: Zuflucht vor den Feinden

Die Schweinricher Dorfkirche befindet sich trotz ihres hohen Alters in einem ausgezeichneten Zustand

SCHWEINRICH - Mehr als anderthalb Jahrzehnte war die kleine Dorfkirche von Schweinrich Ausgangspunkt für die Neujahrswanderungen der Bürgerinitiative Freie Heide. Deswegen ist sie sehr vielen Menschen von nah und fern gut bekannt. Wer das Gotteshaus betritt, ist auf Anhieb fasziniert von der Ausstrahlung des Gebäudes, das schon im Mittelalter Zentrum des Dorfes "Zwinerecht" war so der ursprüngliche Name des heutigen Schweinrich.

In Kurzform wird die Kirche, die eine der ältesten der gesamten Region sein dürfte, als "gotischer Bau in Saalform aus gespaltenen und rohen Feldsteinen mit Backsteinkanten" beschrieben. Sie steht auf einem Sandhügel ganz in der Nähe des Sees.

Der Turm ist ebenso breit wie das Kirchenschiff und wirkt eher gedrungen. Wer im Inneren des Turms steht, erkennt in den mächtigen, nahezu anderthalb Meter dicken Mauern ehemalige Schießscharten. Gebaut wurde er als Wehrturm etwa um das Jahr 1150. Aus alten Unterlagen geht hervor, dass das Fundament des Turms sogar 2,10 Meter stark ist. Oben, am Übergang zum Walmdach, sind die Mauern immerhin noch einen Meter dick.

Ursprünglich soll der Turm keinen ebenerdigen Eingang besessen haben Den Eingang bildete ein Fenster an der Südseite des Turms und das konnte nur mit einer Leiter erreicht werden. "Wenn Gefahr drohte oder Fehde zwischen den mecklenburgischen Rittern und den Wenden oder den Deutschen angesagt war, flüchteten sich die Bewohner von den benachbarten Ansiedlungen hierher. Die Zugbrücke wurde am Eingang des Dorfes hochgezogen. Die Leiter wurde eingezogen, die Tür verrammelt und sicher waren die Leute hier im Turm", heißt es in der alten Dorfchronik, die einst ein Dorfschullehrer angelegt hat. Die Eindringlinge wurden mit Steinen oder Holzkloben empfangen, die aus den Schießscharten geworfen wurden. Davon, dass Angreifer später auch Schusswaffen gebraucht hatten, zeugten seinerzeit Einschusslöcher an den Mauern des Turms. Früher besaß die Kirche auch noch eine Turmuhr, diese befindet sich seit mehreren Jahrzehnten im Wittstocker Museum.

Im Kunstkalender der Ostprignitz aus dem Jahr 1907 wird noch berichtet, dass es in der Schweinricher Kirche zwei Glocken gibt, die bereits aus dem Jahr 1693 stammen sollen. Nach zwei Weltkriegen hängt nun eine Glocke in der Kirche gegossen 1874 in Stettin.

Der Eingang in die Kirche, die dann im 14. Jahrhundert an den Turm angebaut wurde, lag ursprünglich auf der Südseite. Doch dieser Eingang ist 1844 vermauert worden, da man im Inneren mehr Platz für Bänke schaffen wollte. Die alte Tür existiert aber noch.

Auch die Fenster wurden irgendwann geändert, ursprünglich waren sie deutlich kleiner. Dann wurden sie nach unten hin verlängert und damit kam Licht in das Gotteshaus. Mit Erfindung der Schusswaffen hatte die Kirche ihre Funktion als Festung verloren.

Das Urteil des Chronisten über die Kirche in Schweinrich ist voller Zuversicht: "Die Kirche ist so fest verwittert und der Mörtel so hart und versteinert, dass der ganze Bau in ruhigen Zeiten noch verschiedene Jahrhunderte stehen wird." Dafür sorgte zuletzt die Instandsetzung von Dach und Fassade. Das war gleich Anfang der 1990er Jahre, nur kurze Zeit nach der Wende.

Nicht nur das Äußere der Schweinricher Kirche ist bemerkenswert, sondern auch das Innere. Beim Betreten des Kirchenschiffes fällt der Blick sofort auf den imposanten Altar, der reich verziert ist und einen ganz eigenartigen Aufbau besitzt. Gebaut wurde er im Jahr 1683, die Jahreszahl ist noch sehr gut erkennbar. Die seitlichen Ornamente aus der Zeit des Rokoko (1730 bis 1775) wurden offenbar erst später angebracht. Den geschnitzten Figuren Jesus und den zwei Engeln an seiner Seite fehlen leider einige Details. Außerdem müsste der Altar dringend gereinigt werden, damit die alte Farbenpracht wieder zum Vorschein kommt. Doch Experten haben den Schweinrichern dringend davon abgeraten, selbst Hand anzulegen. Das ist eine Sache für Profis. Leider hat die Kirchengemeinde nicht genügend Geld zur Verfügung, um einen Restaurator zu bezahlen. Pfarrer Berthold Schirge geht davon aus, dass es eine fünfstellige Summe kosten würde, den Altar wieder in der alten Pracht herrichten zu lassen.

Ebenso alt wie der Altar ist die Kanzel, die links davon steht. An der Brüstung sind die Evangelisten aufgemalt, die sich in rundbogigen Nischen mit Überdachungen befinden. Die noch ursprünglich erhaltene Bemalung von Altar und Nische stammt vermutlich von einem Künstler namens Hans Meriahn. Dessen Name steht an der Brüstung der Kanzel.

Ursprünglich gehörte auch eine Taufe zu Altar und Kanzel, doch diese gibt es nicht mehr. Die jetzige stammt aus dem Jahr 1888. Die Taufschale ist noch später dazu gekommen. Sie trägt die Widmung von Erna Bürs, der Tochter des Dorfschullehrers, die Weihnachten 1900 in der Kirche getauft wurde.

Ebenfalls eine Stiftung von Dorfbewohnern ist das Abendmalsgeschirr, das aus dem Jahr 1863 stammt. Einzelne Nachfahren der vier Stifter leben heute noch im Dorf.

Die Orgel ist 1901 von dem Neuruppiner Orgelbauer Albert Hollenbach gebaut worden. Sie verfügt über sieben Register und ein Manual. Bereits zu DDR-Zeiten wurde das Instrument mit einem elektrischen Blasebalg ausgestattet. Aber Hildegard Hahn vom Gemeindekirchenrat kann sich noch sehr gut daran erinnern, dass die jungen Leute aus dem Dorf den Blasebalg zu betätigen hatten. Unzählige Heranwachsende haben die Initialen ihrer Namen ins Holz des Balkens eingeschnitzt. Sie zeigt auf den langen Handgriff, dessen Betätigung durch Konfirmandenhände einst dafür sorgte, dass dem Instrument die Töne entlockt wurden. "Wir mussten immer darauf achten, dass dieser Zeiger in einer bestimmten Höhe bleibt, sonst funktionierte die Orgel nicht."

Diese Zeiten sind lange vorbei. Selbst im Winter ist es möglich, handgespielte Musik zu hören allerdings vom Harmonium, das sich in der Winterkirche befindet, die unter der Orgelempore eingerichtet ist. Nach der Wende wurde es angeschafft. Die Winterkirche ist bereits aus den 1960er Jahren. Das Gemälde in der Winterkirche ist ebenfalls eine Spende Carl Krause hat es gemalt. Der 83-jährige Künstler wohnt in Schweinrich.

Zu den Ausstattungsgegenständen jüngerer Zeit gehören die Kirchenbänke, die aus der St.-Nikolai-Kirche Berlin stammen. Von dort hat auch Liebenthal die Kirchenbänke. Als das Nikolaiviertel 1987 fertig gestellt war, wurde die dortige Kirche, die ein Museum ist, mit diesen Bänken ausgestattet. Nach der Wende wollten die neuen Zuständigen eine flexiblere Bestuhlung, erzählt Pfarrer Schirge. Und deswegen hatte das Kirchenbauamt im Lande herum gefragt, ob irgendwo Bedarf bestehe. Eckhard Gericke, der heute in der Wittstocker Stadtverwaltung und damals im Kirchenbauamt gearbeitet hat, vermittelte den Kontakt zu den Schweinrichern und so kamen sie zu diesen Bänken. Die Denkmalpflege hat ihre Zustimmung gegeben, denn die alten Bänke taugten nicht viel. "Die hat irgendwann mal der Dorftischler zusammengezimmert und sie waren nicht viel wert." Die neuen Bänke sind neutral und sitzen sich gut. Vielleicht wäre irgendwann mal ein neuer Bezug fällig, sagt Pfarrer Schirge.

Dann ist da noch die Winterkirche, die Mitte der 1960er Jahre unter der Orgelempore eingebaut wurde. Das Gemälde, das hinter dem kleinen Altar hängt, hat Carl Krause, ein Dorfbewohner, gemalt.

In der kalten Jahreszeit finden hier die Gottesdienste statt und wenn richtig viele Leute in die Kirche kommen so wie in der Vergangenheit bei den Neujahrswanderungen dann können die Fenster herausgenommen werden. Dann verfügt die Kirche über 34 Plätze unter der Empore und 66 weitere Plätze im Kirchenschiff.

Dank vieler Menschen, die sich in den zurückliegenden Jahrzehnten um ihre Kirche bemüht haben darunter der verstorbene Bürgermeister Helmut Schönberg können die Schweinricher mit dem Zustand ihrer Kirche sehr zufrieden sein. Berthold Schirge, der als geschäftsführender Pastor seit zwei Jahren auch für Schweinrich zuständig ist, sagt: "Wenn alle Kirchen in diesem Zustand wären, könnte man zufrieden sein." Es sind also nur Kleinigkeiten, die zu erledigen sind. Vielleicht könnte man die alte Tür auf Vordermann bringen und wieder in die zugemauerte Nische an der Südseite einbauen, auch wenn man dadurch nicht mehr das Gotteshaus betreten kann, meint Schirge. Aloisa Kappel will demnächst noch zwei neue Altardecken anfertigen. Sie hat sich schon überlegt, weißes Tuch mit Spitze zu umnähen. Einzig für die Restaurierung des Altars würde eine größere Geldsumme gebraucht. (Von Uta Köhn)

Märkische Allgemeine vom 12. Juni 2010

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