Organist zieht wieder alle Register

Schiffmühle (moz) Nach zehn Wochen Bauzeit in zwei Etappen ist am Sonntagmorgen die Orgel der Neutornower Kirche mit einem Gottesdienst geweiht worden. Die Kirche investierte 25 000 Euro in die Sanierung der "Königin der Instrumente".

 
© MOZ/Steffen Göttmann

"Wir haben sie fast verloren, die Hoffnung und die Geduld", sagte Pfarrerin Kathrin Herrmann im Gottesdienst. Es sei lange geplant gewesen, die Orgel reparieren zu lassen. Doch die kirchliche Bürokratie bremste Vorwärtsdrang und Zuversicht des Gemeindekirchenrates. So müsse eine Orgelsanierung von einem Orgelgutachter der evangelischen Kirche begutachtet werden, erläuterte Kenneth Anders, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates. Das Gutachten wiederum müsse zum Landeskirchenmusikleiter, der auch ein Urteil abgeben muss. Diese Hürden müssten nun auch in Neuenhagen (Insel) genommen werden, wo die Orgelsanierung gerade angelaufen sei.

Kathrin Herrmann verglich in ihrer Predigt das Engagement der Kirchengemeinde mit dem Hirten, der nach einem verloren gegangenen Schaf sucht und dabei seine Herde im Stich lässt. Seine intensive Suche wird belohnt, indem er es schließlich findet. Auch in Neutornow haben sich die Mühen gelohnt. Dieses Engagement sei unerlässlich, wenn man alte Gebäude sanieren wolle, an denen der Zahn der Zeit nagt. Mit der Entscheidung, die Orgel zu reparieren, sei der Standort gestärkt worden, so die Pfarrerin. Sie wünsche der Neutornower Orgel viele begeisterte Zuhörer, Orgelnachmittage zur Einkehr für alle sowie Konzerte für Groß und Klein. Schließlich überbrachte sie die Grüßen des Superintendenten Roland Kühne aus Seelow.

Eigentlich sei geplant gewesen, die Orgel schrittweise über eine Zeit von fünf Jahren zu reparieren, sagte Kenneth Anders. Davon hätten Experten abgeraten. Es gab sogar Stimmen, die einen Neukauf empfohlen haben. Doch dagegen habe der Preis gesprochen, so Anders. An der Ausschreibung beteiligten sich drei Orgelbaubetriebe. Den Zuschlag bekam die Eberswalder Orgelbauwerkstatt.

Zuerst musste der sogenannte Prospekt 40 Zentimeter vorge­rückt werden, damit die Orgelbauer genug Platz bekamen, um überhaupt an die Pfeifen heranzukommen. Dies wurde beibehalten, um auch künftigen Orgelbauern den Zutritt in das Instrument zu gewährleisten. Eine Reparatur wäre sonst kaum möglich

Bei der Orgel handele es sich um ein pneumatisches Instrument mit elf klingenden Registern, die ausschließlich "mit Wind" funktionieren, erläuterte Harry Sander, einer der Eigentümer der Eberswalder Orgelbauwerkstatt. Sämtliche Lederteile, über die die Luftzufuhr für die Pfeifen läuft, mussten erneuert werden, alles in Handarbeit. Leder wird im Laufe der Zeit spröde und bricht. Die insgesamt 600 Orgeln waren so weit in Ordnung. Auch die Holzpfeifen können weiterverwendet werden. Im Gegensatz zur Neuenhagener Orgel, wo sich der Holzwurm eingenistet und durchgefressen hat. Weil die Orgelbauer in den Holzpfeifen Stempelabdrücke fanden, konnte das Instrument auf 1929 datiert werden. Die damaligen Orgelbauer hätten aus Kostensgründen wohl gebrauchte Pfeifen genutzt, denn einige Metallpfeifen seien 150 Jahre alt.

Märkische Oderzeitung vom 21. Juni 2010

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