Beispiel gelungener Rekonstruktion

Niederjesar (moz) In diesem Frühjahr jährte sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 65. Mal. Im Bombenhagel während der Schlacht um die Seelower Höhen und des Marsches auf Berlin wurden allein in der Seelower Region 28 Kirchen zerstört. In loser Folge stellt das Oderland Echo Kirchengemeinden vor, die Notkirchen oder Ersatzbauten nutzen mussten. Heute: Niederjesar.

 
© michael märker

Von Niederjesar ist 1997 eine Initialzündung ausgegangen: Nach 52 Jahren sollte für die Kirche des Ortes das Ruinendasein zu Ende gehen. Im September des Jahres begann die Sanierung der ersten zum Kriegsende zerstörten Kirche im Oderbruch.

Im April 1945 hatten deutsche Soldaten den schlanken Kirchturm gesprengt. Er war, wie die gesamte Kirche, 1859 vom Schinkel-Schüler Friedrich August Stüler im neuromanischen Stil umgestaltet worden. Das Kirchenschiff wurde durch die Turmsprengung schwer beschädigt. Zwar hatte der damalige Pfarrer Martin Schwarz in den 50er-Jahren den Einbau eines kleinen Raumes als Notkirche in die Ruine bewirken können. Doch Tatsache blieb: Im gesamten Pfarrsprengel Mallnow, zu dem Niederjesar gehört, gab es keine einzige funktionstüchtige Kirche.

Das sollte sich nach dem Besuch des Kanzleramtsminister Friedrich Bohls 1995 im Oderbruch ändern: Ab 1997 flossen Fördermittel aus dem Kirchen-Staatsvertrag. "Als im Pfarrsprengel damals die Frage aufkam, welche der fünf Kirchenruinen wieder aufgebaut werden sollte, waren sich die Kirchenältesten schnell einig, dass es Niederjesar sein sollte", erinnert sich der Mallnower Pfarrer Martin Müller. Die Kirche schien am besten geeignet, die Zentrumsfunktion fürs kirchliche und gemeindliche Leben zu übernehmen.

Denn eine Voraussetzung für die Förderung der Rekonstruktion war, dass Gemeinde und Kirchengemeinde an einem Strang ziehen. Sie schlossen einen Nutzungsvertrag. Als Dritter im Bunde setzte sich der Ende 1997 gegründete Förderverein für den Wiederaufbau der Kirche ein. Vereinsvorsitzender ist Gunter Pröhl. Es sollte nicht darum gehen, Wunden zuzudecken, die Narben des Krieges sollten zu sehen sein. Deshalb und aus Kostengründen wurde auf den Wiederaufbau des Kirchturmes verzichtet. Als die Kirche im Oktober 1999 mit einem Festgottesdienst wieder eingeweiht wurde, trug sie unterm neuen Flachdach ein gläsernes Lichtband, das den Chorraum, die durch eine Schiebetür abtrennbare Kapelle und den im dritten Bauabschnitt 2002 fertiggestellten Gruppenraum unter der neuen Empore erhellt.

Die Kirche ist seitdem Niederjears Dorfgemeinschaftszentrum. Hier finden nicht nur alle zwei Wochen Gottesdienste, sondern auch viele Konzerte, Ausstellungen, die Seniorenweihnachtsfeier der Gemeinde und alle zwei Jahre zu Pfingsten die Nacht der offenen Kirche statt. Was ist sonst noch besonders? Pfarrer Martin Müller muss nicht lange überlegen: "Nur in Niederjesar beginnen die Gottesdienste schon um 8.30 Uhr", sagt er. Das hat Tradition. Seit die Kirche 2008/09 auch noch neue, farbig gestaltete Chorfenster bekam, hat Martin Müller nur noch einen Wunsch: Eine Orgel.

Märkische Oderzeitung vom 10. Juli 2010

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