Schiefer Seenland-Kirchturm in Geierswalde im Blick

Geierswalde In Geierswalde steht der vermutlich einzige schiefe Kirchturm des Lausitzer Seenlandes. Bei immer mehr Touristen weckt das aus dem Lot geratene Bauwerk aus dem Jahr 1792 großes Interesse. Doch anders als beim Schiefen Turm von Pisa wird es in Geierswalde mittelfristig keine regulären Besteigungen geben.

   
Der schiefe Kirchturm von Geierswalde von der Hauptstraße aus Richtung Tätzschwitz her gesehen.
Fotos: Torsten Richter
Eng wie eine "Hühnerleiter" ist die Aufstiegstreppe zum Kirchturm.

Wer aus Richtung Großkoschen und Tätzschwitz nach Geierswalde hineinfährt, kann das Phänomen gar nicht übersehen: Der in gelber Farbe gestrichene Kirchturm steht schief.

Bauwerk neigt nach Westen

Für das bloße Auge deutlich sichtbar, neigt sich das Bauwerk erheblich nach Westen. Wie viele Grad es genau sind, kann im Ort derzeit niemand sagen. Bärbel Jenkel, Mitglied des Geierswalder Gemeindekirchenrates und im Dorf als »gute Seele« des Gotteshauses bekannt, will eine Bekannte, die als Vermesserin tätig ist, dazu bewegen, die Schiefstellung des Turms in konkrete Zahlen zu fassen. »Das soll noch in diesem Jahr geschehen«, kündigt Jenkel an.

Dass der schiefe Kirchturm eine echte Seenland-Sehenswürdigkeit ist, beweisen die zahlreichen Nachfragen von Touristen.

Touristen fragen an

»Das hat in den vergangenen Jahren zugenommen«, weiß Bärbel Jenkel, die dann die Kirche aufschließt. Vor allem als beliebtes Fotomotiv halte der etwa 28 Meter hohe Turm her. Mancher wolle ihn auch besteigen. Doch das ist nur unter erheblichen Schwierigkeiten möglich. 59 knarrende Holztreppen in unterschiedlichen Abständen führen hinauf. Manchmal wird der Weg so schmal, dass man von einer »Hühnerleiter« sprechen könnte. Wer es dennoch geschafft hat, muss sich mit einem Ausblick durch Fensterlamellen und Drahtgitter zufriedengeben. »Die sollen Fledermäuse abhalten«, erklärt Bärbel Jenkel. Der Blick reicht nach Norden über den nur 100 Meter entfernten Geierswalder See. Im Südwesten ist Tätzschwitz zu sehen, im Südosten der Kirchturm von Laubusch. Und vor allem viel Wald.

»Planungsrechtlich gibt es gegen eine touristische Nutzung des schiefen Turmes als Aussichtspunkt keine Bedenken«, erklärt Gernot Schweitzer, Sprecher des Landkreises Bautzen. Dennoch müsste zuvor unbedingt eine Standsicherheitsuntersuchung durchgeführt werden. Zudem gelte es, die Treppe zu modernisieren.

Die Vermarktung des Turmes als Attraktion im Lausitzer Seenland bilde dabei das geringste Problem, weiß Matthias Müller, Tourismusmanager der Gemeinde Elsterheide. »Die Werbung wäre schnell organisiert«, so Müller. Dennoch habe er Zweifel, dass auf dem Turm zusammen zehn Leute Platz fänden.

Bergbau ist schuld

Die Ursache für die Schiefstellung des Geierswalder Kirchturms ist wahrscheinlich im bergbaubedingten Grundwasserentzug zu suchen. So steht es zumindest im Kirchenprospekt. Am 18. Dezember 1988 gegen 22 Uhr stürzte die Westwand des Bauwerks bis zu einer Höhe von sieben Metern ein. Wenig später gelang es, den Turm durch einen mächtigen Ringanker, der noch heute unübersehbar ist, zu stabilisieren. Im Jahr 1993 erhielt der Kirchturm zudem ein neues Kupferdach.

Erst im Herbst 2009 wurden Dachrinnen angebaut, erzählt Bärbel Jenkel. Damit solle verhindert werden, dass das Regenwasser die charakteristische gelbe Farbe abspült.

Pfarrer Udo Gerbeth hat mit dem Geierswalder Kirchturm noch etwas anderes vor, als eine Aufstiegsmöglichkeit herzustellen: »Es gibt die Idee, eine Seenland-Kirchentour einzurichten. Ich denke dabei unter anderem an die Gotteshäuser in Bluno, Geierswalde und Tätzschwitz. Vielleicht stößt auch die Kirche im brandenburgischen Großkoschen dazu. Und unser schiefer Kirchturm in Geierswalde ist dabei eine ganz besondere Attraktion.« Dabei dürfte dieser lediglich in der Höhe seinem berühmten Vorbild in Pisa ein wenig nachstehen.

Von Torsten Richter

Lausitzer Rundschau vom 17. Juli 2010

   Zur Artikelübersicht