Engel erhalten Schönheitskur

Neuzelle (moz) Sie stand lange Zeit im Schatten der prächtigen katholischen Klosterkirche, die evangelische Kirche zum Heiligen Kreuz in Neuzelle. Das aber wird sich nun ändern. Das Gotteshaus wird in den nächsten Jahren für mehrere Millionen Euro aus Bundesmitteln aufwendig saniert und restauriert.

 
Behutsame Näherung: Pfarrer Uwe Weise ist während einer Begutachtung des Altars in der evangelischen Kreuzkirche in Neuzelle auf ein Baugerüst geklettert. Je näher er den Holzfiguren kommt, desto deutlicher werden die Risse und andere Schäden.
© MOZ/Gerrit Freitag

"Im Herbst geht es los", freut sich Pfarrer Uwe Weise vom Evangelischen Pfarramt Neuzelle. Als Erstes stehen Abdichtungsarbeiten am Mauerwerk auf dem Programm. Dazu wird um das Gotteshaus herum alles aufgegraben und der Sockel trockengelegt. Denn dort gibt es nach Angaben des Landesbauamtes einige Feuchtschäden.

Doch das ist nur der Anfang einer umfassenden Sanierung, für die es laut Pfarrer Weise "allerhöchste Zeit" ist. Die zwischen 1728 und 1735 errichtete und später baulich veränderte Kirche, die ebenfalls zur Stiftung Stift Neuzelle gehört, sei leider in einem bedauerlichen Zustand, betont er. Von 1988 bis 1991 habe man zwar versucht, eine Innensanierung durchzuziehen, doch die wurde abrupt abgebrochen zugunsten der dringend erforderlichen Arbeiten an der katholischen Klosterkirche, die als "Barockwunder Brandenburgs" nur wenige Meter entfernt jährlich Tausende Touristen anlockt. "Kurz vor dem Altar war in der evangelischen Kirche damals Schluss", weiß Pfarrer Uwe Weise. Dabei ginge gerade bei diesem außergewöhnlichen Altar vielen Kunsthistorikern das Herz auf. Der bestehe aus Holz und suche seinesgleichen, sagt Weise.

Doch der Zahn der Zeit hat an den Figuren genagt. Viele der Engel haben lange Risse in ihren Körpern oder sind wurmstichig. Das hat eine genaue Untersuchung durch das Denkmalamt ergeben. Da traut sich niemand mehr Hand anzulegen, aus Angst, es könnte es etwas abbrechen und herunterstürzen. "Der Hahn dort oben, der ist nur mit einem Nagel festgemacht", erklärt der Pfarrer. Allerdings fehle mittlerweile fast der ganze Fuß der Figur. "Wenn der mal runterfällt, dann ist das ein echter Hahnentritt", scherzt Weise. Im Zuge der Vollsanierung wird der Holzaltar vollständig aufgearbeitet. Sonstige Schadstellen in der Wand sollen die Experten ebenfalls genauestens unter die Lupe nehmen. So gibt es zum Beispiel einige Risse in den Fresken, die der Dachkonstruktion geschuldet sind. Die bezeichnet Uwe Weise als "problematisch". Vor zwei Jahren habe es bereits eine "Not-OP" gegeben, bei der das Dach abgefangen und neu verankert wurde. Statisch gebe es derzeit zwar keine Bedenken, aber es müsse etwas getan werden schon allein, was die Kupferplatten auf dem Dach angeht. Da sieht man an zwei verschiedenen Farbtönen, dass diese Platten im Laufe der Geschichte teilweise ersetzt wurden und nicht mehr dem Material der Originale entsprachen. Während die Kuppel typisch grün daherkommt, ist der Rest je nach Lichteinfall eher grau.

Eigentlich waren bis vor kurzem noch gar keine Mittel zur Sanierung der evangelischen Kirche im Landeshaushalt eingestellt. Doch Detlef Karg vom Landesamt für Denkmalpflege habe in die Wege geleitet, dass nach der katholischen Kirche nun auch die evangelische in das Bundesprogramm zur "Erhaltung von Kulturdenkmälern von nationaler Bedeutung" aufgenommen wird, sagt Uwe Weise dankbar. "Wir haben da wirklich Glück gehabt", betont René Knothe vom Landes-Bau- und Liegenschaftsamt in Frankfurt (Oder), das die Projektleitung bei der Sanierung hat. Es sei nicht selbstverständlich, dass eine Liegenschaft innerhalb von so kurzer Zeit zweimal bedacht wird. Knothe geht nach bisherigen Schätzungen davon aus, dass die Vollsanierung etwa drei Millionen Euro kosten wird. Eine abschließende Summe lasse sich bei so langwierigen Projekten aber immer schwer voraussagen, da man nie wisse, was während der Arbeiten zum Vorschein kommt. René Knothe glaubt, dass die Sanierung in vier Jahren abgeschlossen wird.

"Solange es möglich ist, wollen wir die Kirche weiternutzen", sagt Pfarrer Weise. Erst, wenn die Bauarbeiten im Innenraum beginnen, werde man eine Alternative für die Gottesdienste suchen müssen. Uwe Weises größter Wunsch ist, dass im Zuge der Sanierung auch eine neue Orgel eingebaut wird, und zwar eine barocke, passend zum Baustil. Davon träumt die Kirchengemeinde bereits seit Jahren. Mit dem neuen Instrument hätte die kleine Kreuzkirche sogar dem großen Barockwunder etwas voraus. Denn dort erklingt eine romantische Sauer-Orgel.

Märkische Oderzeitung vom 30. Juli 2010

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