AUSZEICHNUNG: Stolze Bürger mit leuchtenden Augen

St.-Marien-Kirche ist seit Donnerstag ein Denkmal des Monats

WITTSTOCK - "Schaut auf diese Stadt!" Der berühmte Ausspruch von Ernst Reuter aus dem Jahr 1948 wurde gestern in Wittstock gleich mehrfach wiederholt. Denn gestern war Wittstock Gastgeber fürs Sommerfest der Bürgermeister der "Arbeitsgemeinschaft (AG) Städte mit historischen Stadtkernen." Und an diesem Tag verliehen die AG-Mitglieder der Wittstocker St.-Marien-Kirche die Auszeichnung "Denkmal des Monats".

Damit werde das bürgerschaftliche Engagement geehrt, ohne das die Dachsanierung nicht möglich geworden wäre, so AG-Vorsitzender und Treuenbrietzens Bürgermeister Michael Knape. Er appellierte aber zugleich ans Land, die Städtebauförderung zu erhalten. Ohne Mittel von Bund und Land seien Bauwerke wie die Wittstocker St.-Marien-Kirche nicht zu erhalten. Knape: "Sie tragen aber zur Identität bei." Da bei Bauvorhaben wie in Wittstock immer regionale Handwerker zum Zuge kommen, sei die Städtebauförderung auch Wirtschaftsförderung.

Für Bürgermeister Jörg Gehrmann ist die Kirche ein Ort des bürgerschaftlichen Engagements, der Herzenswärme und der friedlichen Revolution, die vor 20 Jahren zur deutschen Wiedervereinigung führte. Er erinnerte daran, dass sich der jahrelange Kampf der Initiativgruppe St. Marien zur Dachsanierung schließlich gelohnt habe.

Superintendent Heinz-Joachim Lohmann sieht das Gotteshaus von Anfang an als "geistiges Wahrzeichen der Stadt." Er freut sich über "das neue Miteinander." In einer Zeit, in der eine Minderheit der Kirche angehöre, fühle sich die große Mehrheit der Wittstocker dennoch mit dem Bauwerk verbunden. Der Vertrag mit der Stadt sichere zu, dass auch Veranstaltungen wie der Neujahrsempfang des Bürgermeisters dort stattfinden können. Der Friedensengel vor der Kirche ist für Lohmann ein Symbol der deutschen Einheit, mit der "Grenzen geknackt" wurden. Allerdings müsse auch gegen Rechtsextremismus und soziale Ungleichheit angegangen werden.

Wittstocks Architektin Bärbel Kannenberg erinnerte daran, welchen Kampf die im April 2004 gegründete Initiativgruppe St. Marien bis zur Fertigstellung des Kirchendaches gehen musste. Ende der 1990er Jahre hatten Bauzäune an der Südseite aufgestellt werden müssen, damit niemand von womöglich herabfallenden Dachziegeln verletzt werden konnte. 70 Prozent des Dachstuhles war vom Schwamm befallen, ergab eine Bauanalyse im Jahr 2000. Auf die für die Kirchengemeinde "unvorstellbare Größe" von 2,4 Millionen DM war die Sanierung geschätzt worden.

Mit der Patenschaftsaktion im Juni 2004 kam das bürgerschaftliche Engagement richtig ins Rollen. 80 000 Euro Spenden werden über den symbolischen Kauf von Sparren, Balken und Dachflächen erwartet. Nur 3700 Euro fehlen noch. Die gut eine Million Euro teure Dachsanierung ist inzwischen fast abgeschlossen. Davon konnten sich Besucher bei Dachführungen mit Bärbel Kannenberg überzeugen.

Doch schon denkt die Mitbegründerin der Initiativgruppe St. Marien an weitere Aktionen zur Kirchensanierung. Der Innenraum müsste mal einen frischen Anstrich bekommen und der Fassade kann ein bisschen Kosmetik auch nicht schaden. Der Lohn der Mühen für alle Strapazen sei nicht in Gold aufzuwiegen, so Bärbel Kannenberg: "Leuchtende Augen und stolze Bürger." Davon gab es gestern auf der Auszeichnungsveranstaltung viele. (Von Dirk Klauke)

Märkische Allgemeine vom 06. August 2010

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