DENKMALSCHUTZ: Der Schatz im Kupferrohr

Dokumente aus abgenommener Haager Kirchturmspitze sind teilweise fast 200 Jahre alt

HAAGE - Haages Kirche hat schon einiges erlebt. Ein Ereignis aus dem Jahr 1962 hielt der frühere Pfarrer Hans Otto Braune für die Nachwelt schriftlich fest: "Es geschah am 13. Mai gegen 19.05 Uhr. Ich kam bei strömendem Regen von einem Dorfgang zurück. Als ich kurz vorm Pfarrhaus war, schlug ganz dicht unter furchtbarem Krachen ein Blitz ein. Als ich von der Dachluke in der hereinbrechenden Dämmerung nach der von Bäumen halbverdeckten Kirche sah, aber nichts erkennen konnte, kam der Nachbar mit dem Schreckensruf: ’Der halbe Turm ist weg!’"

Das Schreiben über den Einschlag eines Kugelblitzes im Haager Gotteshaus gehört zu den historischen Dokumenten, die sich in der Kugel der Kirchturmspitze befanden. Nach mehr als 48 Jahren kamen diese am 16. Juli wieder ans Tageslicht, nachdem die baufällige Turmspitze abgenommen worden war.

"Mittlerweile haben wir uns fast den gesamten Inhalt der Kugel genau angesehen", sagt André Grünefeld, der sich in Haage um das Kirchengebäude und den Friedhof kümmert. In zwei ineinander gesteckten Kupferrohren befanden sich unzählige Zeitungen, handschriftliche Briefe, Fotos und Münzen. Auch ein 50 Millionen-Mark-Schein aus dem Jahr 1923 kam zum Vorschein. Die vermutlich ältesten Berichte verfassten ein Zimmerer- und ein Schlossermeister, die 1817 beim Bau der Haager Kirche mitwirkten.

Viele Funde stehen in Sütterlin-Schrift. "Vielleicht gibt es einen Experten, der uns dabei helfen kann, diese Dokumente richtig zu entziffern", hofft Grünefeld. Denn einige der Schreiben seien schwer lesbar, selbst für Kenner alter Schriften. Dazu zählen auch die Artikel in der "Königlich privilegirten Berlinischen Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen" aus dem Jahr 1862. Weitere Tagesblätter, etwa die Märkische Volksstimme von 1962, befanden sich ebenfalls in den Kupferrohren.

Die meisten Funde sind gut erhalten. Auf einigen Papierseiten fehlen jedoch Passagen. "Ende 1945 schlugen drei Granaten in den Turm ein. Ich vermute, dass Metallsplitter die Löcher ins Papier gerissen haben", sagt Grünefeld. Noch immer stecken Splitter im Gebälk der Turmspitze, die jetzt neben der Kirche steht. Etwa 200 000 Euro koste die Sanierung, schätzt Pfarrer und Gemeindepädagoge Mathias Wohlfahrt. Wann die Spitze restauriert wird, könne er nicht sagen. Dies hänge letztlich vom Geld ab. "Wir freuen uns über jede Spende." Derzeit bedeckt ein Notdach den Turm, auf dem ein Holzkreuz steht.

Bis die Spitze instandgesetzt ist, lagern die Dokumente aus der Kugel bei Roland Selent in Haage. Wichtig dabei sei laut Grünefeld, dass sie trocken und dunkel untergebracht sind. Die historischen Papiere sollen wieder in die Kugel, wenn die Spitze auf den Turm kommt. Jedoch werden die Kupferrohre dann zu klein sein. Denn der jetzige Inhalt soll mit Dokumenten aus der Gegenwart ergänzt werden. Welche das sind, steht noch nicht fest. (Von Susanne Grimm)

Märkische Allgemeine vom 01. September 2010

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