Die fast vergessene Pfarrkirche

von Jeanette Bederke

 
Die Kirche zum heiligen Kreuz in Neuzelle führt ein Schattendasein, soll jetzt aber saniert werden.

NEUZELLE - Mit neugierigem Blick mustert das junge Besucherpärchen das Innere der unscheinbaren Kirche. Gerade erst haben die beiden Berliner bei ihrem Spaziergang durch die Klosteranlage Neuzelle das versteckt liegende Gotteshaus mit der verwitterten Fassade entdeckt. Nur wenige Gäste der Zisterzienserklosteranlage von Neuzelle verirren sich hierher, in die enge, abseits gelegene Gasse, die wegführt von der sanierten, alles überstrahlenden katholischen Kloster-Stiftskirche mit der orangefarben Fassade.

Bei den beiden Besuchern macht sich nach einer ersten Besichtigung der weitaus kleineren evangelischen Pfarrkirche schnell Enttäuschung breit."Hier könnten die ruhig mal wieder sauber machen", murmelt der junge Mann und mustert skeptisch die stuckverzierte Gewölbedecke. Seine Freundin fährt vorsichtig mit dem Finger über eine der mannshohen, wurmstichigen Holzskulpturen des kerzenverrußten Altars. Mit bedauernder Miene schaut sie der hölzernen Jungfrau Maria anschließend direkt in das von einem hässlichen Riss verunstaltete Gesicht. Martin Seefeld, Vorsitzender des evangelischen Gemeindekirchenrates in Neuzelle, kennt diese Kommentare, die häufig noch drastischer ausfallen. "Die Kirchengemeinde lässt das Gotteshaus verlottern, lautet der offen Vorwurf, den wir immer wieder von Touristen zu hören bekommen."

Große Bauten der Klosteranlage sind bekannter

Lange Zeit führte die 1734 fertig gestellte evangelische Pfarrkirche "Zum Heiligen Kreuz" ein Schattendasein, für eine umfassende Sanierung reichte das Geld aus dem Klingelbeutel nun mal nicht. Zumal die Kirche nicht der 450 Mitglieder zählenden Gemeinde, sondern dem Land gehört, von der Stiftung Stift Neuzelle verwaltet wird. "Die Anfeindungen von Besuchern sind schon massiv. Wir fangen den Groll stellvertretend ab", bestätigt Pfarrer Uwe Weise. Im Herbst beginnt nun endlich die aufwendige Rettung des Gotteshauses, mehrere Millionen Euro aus Bundesmitteln stehen nach Angaben der Stiftung Stift Neuzelle bereit.

Fast wäre es für die beinahe vergessene Pfarrkirche der Klosteranlage zu spät gewesen. Vor zwei Jahren wurde das schwankende Dach notverankert, bevor es - zumindest teilweise - Passanten auf den Kopf fällt. Wer sich die ausgetretene Wendeltreppe im Kircheninneren nach oben wagt, dessen Blick fällt unweigerlich auf die Kirchendecke. Wie ein Gespinst haben sich hier Risse breitgemacht, die unaufhörlich weiter zu wandern scheinen. "Es ist allerhöchste Zeit", macht der Pfarrer auch mit Blick auf den skulpturenreichen Holzaltar deutlich. Der böhmische Altar ist seinen Angaben nach in Brandenburg einmalig, so wie die gesamte Pfarrkirche mit ihren schönen Deckenfresken selbst. Der von Johann Wilhelm Hennevogel geschaffene Altar gilt unter Kunsthistorikern als wertvoller als sein nur aus Stuckmarmor geschaffenes Pendant in der katholischen Stiftskirche. Er muss von Experten jetzt umfassend restauriert werden.

Dass das Gotteshaus mit der großen Kuppel und den attraktiven Deckenfresken auch zur Klosteranlage Neuzelle gehört, ist kaum jemandem bewusst. Mit der Kreuzkirche erhielt Neuzelle allerdings 1734 das römische Motiv, das seiner Architektur bisher fehlte: die Kuppel, erbaut nach dem Vorbild der Jesuitenkirche in Rom und Hauptmotiv der Außenansicht. Im Inneren ist die ganze Raumkomposition der Pfarrkirche darauf ausgerichtet. Ende der 80-er Jahre bereits innen einigermaßen saniert, geriet die Pfarrkirche nach der Wende immer mehr in den Schatten ihrer großen Schwester- der katholischen Stiftskirche "St Marien", die Reisende schon von Weitem erblicken und die mit frischer Fassade und barocker Üppigkeit dekorativ über dem gesamten Ort thront.

Mehr als 30 Millionen Euro EU-, Bundes- und Landesfördermittel flossen seit 1993 in die Restaurierung der ehemaligen Zisterzienserklosteranlage, ein Großteil wurde in der Stiftskirche St. Marien verbaut - inklusive Josephskapelle und der wiederentdeckten Passionsdarstellungen. Mit einer großen Dauerausstellung zur Klostergeschichte wiedereröffnet wurde im vergangenen Jahr auch der historische Kreuzgang. Sein ursprüngliches Aussehen zurück bekam zudem der für Brandenburg einmalige barocke Klostergarten.

Damit das private deutsch-polnische Gymnasium weiter wachsen kann, wurden und werden zudem Klausurgebäude und Kanzlei, Waisenhaus und Karolusheim auf Vordermann gebracht.

Bundesprogramm für Kulturdenkmäler als Ziel

"Die evangelische Pfarrkirche steht jetzt auf dem Plan. Derzeit laufen umfangreiche Untersuchungen zur Statik, zur Feuchtigkeit im Gemäuer und zu den Wandmalereien ", bestätigt ein Sprecher der Stiftung Stift Neuzelle. Brandenburgs Landeskonservator Detlef Karg hatte sich darum bemüht, dass der Sakralbau in das Bundesprogramm zur Erhaltung von Kulturdenkmälern von nationaler Bedeutung aufgenommen wird. Noch in diesem Jahr soll das Mauerwerk abgedichtet werden. Dazu wird um das Gotteshaus herum aufgegraben, um den Sockel der am Hang zum Klostergarten stehenden Kirche trocken zu legen. Insgesamt sind für die Sanierung der Neuzeller Pfarrkirche mehrere Jahre veranschlagt. Zu den genauen Kosten gibt es noch keine Angaben.

Der Prignitzer vom 03. September 2010

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